Mittwoch, 11. Oktober 2023

Das verzweifelte Glück

Es ist noch Morgen. Die beiden Frauen sitzen im Zug und reden. Sorgfältig, langsam und leise. Die Worte sind gewählt, die Stimmen gedämpft, die Gedanken sind wichtig. Mit anderen Worten, es tönt wie DRS 2. Dann schaut die eine der beiden unvermittelt auf ihr Smartphone und lächelt still in sich hinein: ihr Partner wünscht ihr einen schönen Tag. Ist das nicht schampar schön? – »Es sind doch immer wieder die kleinen Dinge des Lebens, die so viel ausmachen, nicht wahr?«, sagt sie und strahlt, ganz stolz auf ihre belanglose Glückskeksweisheit, ihr Gegenüber an. »Ja diese Nähe, die ihr zwei habt, das ist schon, also wie soll ich sagen, wirklich ein wunderbares und kostbares Geschenk«, sagt darauf die Angesprochene mit einer Mischung aus Bewunderung, Neid und Selbstmitleid. »Bei mir hat es nie länger als ein paar Monate gehalten«, erzählt sie unnötigerweise weiter. Sie hätte es nicht zu sagen brauchen, man sieht es ja. So schaut man jedenfalls nicht aus, wenn man vom prallen Leben in den Arm genommen wird. – »Du weisst nie«, entgegnet der Glückskeks, »was das Schicksal für dich noch bereit hält«, und ahnt natürlich, dass es für ihre farb- und freudlose Freundin längst gelaufen ist. Trotzdem doppelt sie noch nach: »Man darf die Hoffnung nicht aufgeben. Es ist nie zu spät. Auch für dich gibt es da draussen jemanden. Ja, ganz sicher! Jemand, der auf dich wartet!« Sie zieht alle Register, bemüht sämtliche Floskeln und Durchhalteparolen. Dabei strahlt sie und schaut immer wieder auf die Message auf ihrem Smartphone. Wie um sich zu versichern. Ja, sie hat da draussen jemanden. Jemand, der ihr einen guten Tag wünscht und der ihre naive Art irgendwie aushält. Ich weiss nicht, wen von den beiden Frauen ich mehr bedauern soll. Sich verzweifelt ans Glück zu klammern ist vielleicht fast noch tragischer, als vom Pech verfolgt zu werden.

Samstag, 7. Oktober 2023

Bar 610

Sie stolpern zur Türe herein. Zu viert, zu fünft. Alle sehr gut gelaunt und ziemlich schlecht gekleidet. Das fällt heute aber niemandem auf. Es ist kurz nach Mitternacht und der Dresscode scheint sich gerade irgendwo zwischen zwanglos und stillos eingependelt zu haben. Die Mädchen und ihre Männer machen keine Ausnahme. Sie sehen alle aus, wie ich mir Leute von einem Wanderzirkus vorstelle. »Kommt, heute haben wir es wieder einmal richtig lustig!«, scheint das gemeinsame Motto der fröhlichen Pappnasen zu sein. Also bleiben sie zusammen, lachen und scherzen und schieben sich als unzertrennliches Paket durchs Gedränge, irgendwohin, wo noch etwas Platz ist. Sie haben Glück, finden sogar einen freien Tisch, organisieren sich die fehlenden Hocker und geben sich dann die Kante. Sie sind zwar nicht schön aber haben es schön. Und das ist ja auch schon was, denn es gibt ja auch andere.

Sie steht allein da. Die unscheinbare, kleine Frau mit den kurzen Haaren und den traurigen Augen. Sie hält sich an ihrem Rotwein und einem Glas Wasser. Ob sie noch nüchtern ist oder schon verladen. schwer zu sagen. Dass sie ziemlich verzweifelt ist, sieht man hingegen auf den ersten Blick, denn sie macht keine Anstalten, ihr Unglück zu verbergen oder gar zu überspielen. Natürlich redet niemand mit ihr. Sie würde einen bereits nach zwei Sätzen unaufhaltsam runterziehen in die trüben Untiefen ihres ausweglosen Elends. Darauf steht niemand. Also steht die kleine Frau einfach da. Mitten im Lokal. Stumm und allein. Und ist damit so allein, wie man es nur mitten unter Menschen sein kann. Fast tut sie einem ein bisschen leid. Aber eben nur fast. Diese offensichtliche Einsamkeit wird sogar ihr nach einer Weile zu viel. Dann nimmt jeweils ihre beiden Gläser und wechselt den Platz. Umständlich und wahnsinnig unsicher steht sie mitten im Trubel. Hat nicht einmal die Kraft, etwas zu sagen, damit andere ihr Platz machen, sondern wartet einfach, stumm und dumm. Und wird übersehen und übergangen. So dauert ihre Reise natürlich ziemlich lange. Nach einer Ewigkeit steht sie dann doch in der gegenüber liegenden Ecke der Bar. Ganz am Ende. Immer noch mit den selben beiden Gläsern und der selben Verzweiflung. Ein hoffnungsloser Fall. Nicht so wie sie.

Sie ist etwas über dreissig. Sie hat ein gewinnendes Lachen, rote Haare, ein paar Kilo Babyspeck zuviel und sieht damit aus wie ein erwachsenes Kind. Mit ihrem ultrakurzen Pony erinnert ihr Gesicht an ein Pinup aus den Vierzigern. Sie steht am Tisch nebenan und hat etwas zu erzählen. Ich weiss nicht, ob es wichtig ist, ich höre einfach, dass es viel ist. Sehr viel. Sie redet pausenlos und verdeutlicht und unterstreicht ihre Geschichten dazu elegant mit den Händen. Vielleicht hat sie den ganzen Tag noch zu niemandem einen Satz oder ein Wort gesagt und holt das jetzt alles nach. Oder war drei Monate in Afrika wegen einem Projekt oder ein Jahr in Untersuchungshaft wegen einem Delikt. Aber ich schätze eher nicht, dazu sieht sie dann doch zu langweilig und zu wenig authentisch aus. Ihre beiden Freundinnen beteiligen sich am Gespräch, natürlich nur sporadisch, denn gegen Babydolls Redeschwall haben sie nicht den Hauch einer Chance. Dann kommt er.

Er ist ein Bär. Er hat ein halbvolles Bier in der Hand und ein halbes Dutzend bereits im Bauch. Den schiebt er jetzt, gut gelaunt und schwer schwankend durchs Gedränge vor der Bar. Er trägt eine rotweisse, etwas zu kleine Mütze, wie ein Bub am Strand. Damit drückt er aus, wie lustig er ist und wird nicht müde, es auch noch handfest zu beweisen. Auf seinen Runden durchs Lokal schüttelt er Hände, macht High five, umarmt Kollegen, fällt irgendwelchen Frauen um den Hals und lallt dann zusammenhanglosen Schwachsinn: »Am Schluss kommt ja alles aufs Gleiche raus, nicht wahr! Was kann man schon machen!« Aber sicher, Kamerad, ein Philosoph bist du, nichts weniger! Dann löst er sich wieder, die Frauen atmen hörbar auf, er macht kehrt und wuchtet seine volle Blase wieder einmal Richtung Klo. Dort macht er Platz fürs nächste Glas und die nächste Runde durchs Lokal. »Gell, eins haben wir ja immer noch – oder ist es nicht so ist es doch!« Ja aber ganz sicher, Meister, aber sowas von dermassen!

Sonntag, 1. Oktober 2023

Canal Street

Aus dem Buch »Palaver« von Reto Casparis
mit freundlicher Genehmigung des Autors 

Hochsommer in Manhattan. Ich war wieder zu spät aufgestanden, rauchte eine Zigarette zum Fenster hinaus und machte mich dann auf den Weg. Ich überquerte die 5th Avenue, nahm bei der Central Station die Metro und fuhr runter bis zur Canal Street. Als ich dort ausstieg, hatte ich vergessen, was ich hier wollte und weshalb ich jetzt eigentlich da war. Das erinnerte mich an meinen Grossonkel Leonhard, der 1964 zur Landesausstellung nach Zürich fuhr. Oder an »À bout de souffle«, den Klassiker von Jean-Luc Godard, diesem ewigen Langweiler, den ich nie zu Ende geschaut hatte. Ganz im Gegensatz zu »Il sorpasso« von Dino Risi, den ich mehrmals gesehen hatte.

Da ich vergessen hatte, was ich wollte, hatte ich nichts zu tun und sah im Moment auch absolut keinen Grund, etwas daran zu ändern. Also schlenderte ich ziellos durch die Gegend, schaute den schwarzen Frauen nach und kam mir vor wie Denzel Washington in einer Drehpause. Bei einem asiatischen Strassenhändler kaufte mir, ohne gross zu feilschen, eine Rolex Submariner mit schwarzem Zifferblatt und Stahlarmband, der Klassiker, für läppische fünfundzwanzig Dollar. Das erinnerte mich an meinen Grossonkel Leonhard, der nie eine Uhr trug und trotzdem selten zu spät kam.

Plötzlich fiel mir wieder ein, weshalb ich eigentlich hier war. In diesem Moment, löste sich der rechte Schnürsenkel. Mir kam Alice Weidel in den Sinn und ich fragte mich, was ich an ihr so attraktiv fand. Ich schnappte mir eine Cola und trank die eiskalte Büchse in einem Zug leer. Das erinnerte mich erstaunlicherweise an gar nichts, was mich ausserordentlich irritierte. Diese plötzliche Verwirrung wiederum liess mich an Vaslav Nijinskis letzten Auftritt in St. Moritz zurück denken, 1919 im Suvretta House. Nervenzusammenbruch. Und an Robert Walser natürlich, den Erfinder des Winterwanderns. 

Obwohl ich meine Rolex erst eine Stunde trug, ging sie schon fast fünf Minuten nach. Ich zog sie aus und schmiss sie weg. Schade drum, aber auch egal. Was hatte ich denn erwartet zu dem Preis! Ich zündete mir eine Zigarette an.

Neben mir hielt scheppernd ein gelbes Taxi, dessen linker Kotflügel notdürftig mit Klebband fixiert war. Eine ziemlich korpulente Frau stieg umständlich aus. Sie trug eine weisse Bluse und knallenge, weisse Sommerhosen. Durch den dünnen Stoff zeichnete sich ihre Unterwäsche ab. Gaugin zeichnete auch Frauen in Unterwäsche ab. Trotzdem gefällt mit Rodin besser. Und Camille Claudel natürlich. Die begabte Muse hat zu Debussy getanzt wie Nijinski, und sogar mit ihm geschlafen. Eine kurze Affäre. Und dann ein langer Abschied: Dreissig Jahre psychiatrische Anstalt. Diese Abgründe überall! Und schon wieder ist mein Schnürsenkel aufgegangen.

Ich schaute zu den Spitzen der Wolkenkratzer, die sich wie ausgeschnittene Silhouetten einer Collage vom Hintergrund abhoben. Der Himmel leuchtete heute in einem besonders freundlichen Blau, das alle Möglichkeiten offen liess. Wie ein leerer Lottoschein.

Donnerstag, 6. Dezember 2018

Peroni’s Boot

Ein kleiner Thurgau-Krimi
Kommissar Casparis’ erster Fall

Reto Casparis fuhr mit dem Velo zur Arbeit. Es war schweinekalt an diesem Oktobermorgen. Er hatte die Handschuhe Zuhause vergessen und war etwa so motiviert wie eine rumänische Nutte. Der Ledersattel seines alten Tour de Suisse-Velos war feucht, die Kette rostig und hinten fehlte die Luft.
Schon etwas peinlich für einen von der Kantonspolizei, das mit dem Führerausweisentzug. Wenigstes arbeitete er nicht bei der Verkehrs-, sondern bei der Kriminalpolizei. Und heute waren die drei Monate zu Ende.
Wie immer war er auch an diesem Morgen etwas zu spät. Und wie immer interessierte es eigentlich niemanden. Ausser Max Scheiwiler. Der neue Chef mit der windschnittigen Frisur und dem schlechtsitzenden Tweed-Jacket schaute seit Punkt acht im Minutentakt auf die Uhr und war entsprechend gelaunt, als der Kommissar eintraf. «In Bad Horn beim Hotel haben sie einen aus dem See gefischt.» Das wars. Mehr sagte Scheiwiler nicht. Mehr gabs auch noch nicht. Ausser dass der Tote Peroni hiess und ein Angestellter des Hotels gewesen sei. Ein Unfall allem Anschein nach. Viel Papier, keine Action. Genau solche Fälle bekam Casparis. Einer kippte vom Bootssteg, zwei Asylanten lösten ihre Probleme mit dem Rüstmesser, ein pensionierter Bauer prügelte seine Frau spitalreif. Das war kein spannender Film Noire mit Veronica Lake. Das war das Leben. Armselig, schäbig und traurig. Aber Casparis hatte jetzt keine Zeit, über die Abgründe des Lebens und die Untiefen seiner Existenz nachzudenken.

Zehn Minuten später sass der Kommissar bei Brüniger vom Kriminaltechnischen Dienst im Auto und musste den Schweizer Klassiksender hören. Von Frauenfeld bis Bad Horn. Dreiviertel Stunden, eine Zumutung. Dazu erzählte Schorsch Brüniger vom seinem gelungenen Wochenende mit Sarah in Ascona und liess natürlich nichts aus. «Reto, s’Bescht chunnt jo no, weisst du was ich ihr auf dem Mercato in Cannobio gekauft habe?» Wen interessierte es. Das war sogar noch langweiliger als die Goldberg Variationen gespielt von einem Chinesen.

Endlich da. Casparis atmete hörbar aus. Brüniger freute sich. Und während der Chinese Johann Sebastian gnadenlos weiter drangsalierte, bereitete Schorsch routiniert den grossen Auftritt vor: Er wuchtete den Spurensicherungskoffer und das Stativ aus dem Auto und hängte sich die schwere Nikon um den Hals. Ja das machte was her. In seiner schwarzen Lederjacke sah er jetzt tatsächlich beinahe aus wie einer seiner Helden: Ein verwegener Profiler aus einer Netflix-Serie. Leider zog er dann noch seine Ray-Ban-Pilotenbrille an und überschritt damit – wie so oft – den schmalen Grat zwischen cool und lächerlich.

Casparis hatte sein Notzibuch in der Jackentasche und stand längst auf dem Bootssteg. Die Hoteldirektorin und der Chef de Service stellten sich vor. Peroni lag zwischen dem Ausflugsschiff des Hotels und der Hafenmole im kalten Bodenseewasser. Verheddert in einer Bootsleine bewegte er sich an der Oberfläche und schaukelte rhythmisch im Takt der Wellen. Die Direktorin, der Chef de Service und Casparis standen einfach da und schauten. Nur der Tote bewegte sich. «Ein kleiner Totentanz,» ging es Casparis durch den Kopf, «oder vielleicht: Peroni’s Boot?» Ja genau, Peroni’s Boot, so würde er diesen Fall nennen.
Die Direktorin hielt die tatenlose Stille nicht mehr aus: «Furchtbar, das ist alles so furchtbar schrecklich. Ich kann es einfach noch gar nicht glauben, ausgerechnet Maurizio, so ein flotter Kerl. Ein richtiger Sonnenschein. Er war mit seinem italienischen Charme so beliebt bei unseren Gästen und auch im ganzen Team.» «Ja das schon», sagte Thorsten Müller knapp. Er war Chef de Service und somit auch Peronis Chef. «Hätte halt vielleicht mal einen Gang runterschalten sollen, der gute Peroni.» «Was runterschalten?», fragte Kommissar Casparis. «Ja, mit dem Trinken halt. Hat oft nicht gewusst, wann genug ist.» Das konnte Casparis aus Erfahrung nachvollziehen. Er hatte bei einem guten St. Emilion manchmal auch ziemlich Mühe, den Korken wieder in die Flasche zu drücken.

Auf dem Deck des Ausflugschiffes tauchte der Kapitän auf. Er schaute auf den Peroni herunter und schüttelte den Kopf. «Sie haben die Leiche gefunden?» – «Ja.» – «Wann war das genau?» – «Halb sieben.» – «Ist Ihnen sonst noch etwas aufgefallen?» – «Nein.» – «Vielleicht etwas Ungewöhnliches?» – «Nichts.» – «Aha. Ja vielleicht kommt Ihnen ja doch noch etwas in den Sinn. Ich habe Zeit. Ich erwarte Sie in einer Viertelstunde im Restaurant.»
Während die Spurensicherung den Steg absperrte, die Mole und das Boot untersuchte, ging Casparis ins Hotel-Restaurant und befragte das Personal. Ohne Erfolg. Dem Chef de Service fiel nicht viel ein. Er hatte nichts gesehen und gehört, nichts bemerkt und nichts geahnt. Peroni habe gestern ganz normal gearbeitet. Am Firobig, um etwa halb zwölf habe er sich vorne auf dem Hotelparkplatz noch eine Zigi angezündet und sei dann wie fast jeden Abend zu Fuss gegangen.
Der Kapitän der Emily, Martin Berger, blieb bei seinen einsilbigen Antworten: Ja, nein, kann sein, weiss nicht, schon möglich. Vielleicht hatte er etwas zu verbergen, vielleicht auch nicht. Wo er war zur Tatzeit? Nicht hier. Woanders. Zuhause. Allein.
Casparis wollte schon aufgeben und aufstehen als die Türe schwungvoll aufflog. Wie herausgefallen aus einer luxuriösen Sportwagen-Werbung stand er da: Frisur, Sakko, Masshemd, Dresswatch, Schal, Hose, Schuhe – alles perfekt aufeinander abgestimmt. «So zieht sich doch kein normaler Mann an», dachte Casparis. Dr. Dave Kaufmann war aber durchaus normal, ein Stammgast, der immer wieder mal mit seiner Segeljacht von Deutschland nach Bad Horn kam. Ob Kaufmann etwas aufklären oder sich einfach nur aufspielen wollte, wurde Casparis bis zum Schluss nicht klar. Um halb eins, so Kaufmann, habe er einen heftigen Streit gehört. Ganz sicher sei er aber nicht. Vielleicht sei es auch nur das Geschrei der Möven gewesen. Um das herauszufinden habe er dann das Licht gelöscht und sei ans Fenster gegangen. «Und?», fragte Casparis gespannt. Nein, gesehen habe er leider nichts. War ja klar.
Nach einer Stunde klappte der Kommissar sein Notizbuch zu. Er hatte kein einziges Wort geschrieben. Was auch? Dass niemand etwas gesehen hatte, konnte er ja auch im Kopf behalten.

Auf der Mole und am Steg war mehr los. Inzwischen waren auch zwei Polizeitaucher da. Sie mussten die Leiche bergen und suchten anschliessend den Grund des Hafenbeckens ab, fanden aber nichts, bis auf das Telefon, das dem toten Peroni aus dem Hosensack geglitten sein musste und unter ihm auf dem Seegrund lag.

Einen Tag später lag das iPhone bereits im Revier vor Casparis auf dem Tisch. In einem sauber beschrifteten Plastikbeutel. Dazu ein paar Ausdrucke und ein Stick mit geretteten Daten: Ein paar Adressen, ein paar Textnachrichten, die zuletzt gewählten Telefonnummern. Vor allem eine Nummer hatte Peroni in den letzten Tagen häufig gewählt. Sie gehörte einer gewissen Nina Rosetti, welche eine Weinhandlung in Romanshorn besass. Interessant. Noch interessanter fand Kommmissar Casparis aber ihre private Adresse. Es war die selbe wie vom Chef de Service.
Eine Stunde später standen sich der Kommissar und Nina Rosetti in der Weinhandlung in Romanshorn gegenüber. «Aber hallo!», dachte Casparis als er die Weinhändlerin sah. Dann riss er sich aber zusammen, erinnerte sich an den Grund seines Besuchs und zückte Notizblock und Stift. Doch bevor er etwas fragen konnte, legte sie schon los: «Ich und Peroni? Ja hat Ihnen das denn niemand gesagt! Ich hatte halt ein Verhältnis mit Maurizio. Eine kurze Affäre.» Casparis sagte nichts. «Ist bald ein Jahr her. Ich dachte, es sei auch für ihn etwas Spontanes, war es aber nicht. Er hat sich Hoffnungen gemacht. Und mich immer wieder bedrängt. Vor allem in den letzten Wochen. Er kam einfach nicht drüber weg.» – «Ja meinen Sie, dass er am Ende sogar selber ...», spekulierte Casparis. «Nein, nein, auf gar keinen Fall! Obwohl – man weiss ja nie, was in einem Menschen wirklich vorgeht.» Das war auch besser, dachte der Kommissar, der Mühe hatte sich in der Nähe der attraktiven Sommelière zu konzentrieren und selber an Spontanes dachte. «Und was sagte ihr Partner zu der ganzen Geschichte?», wollte Casparis wissen. «Meine Güte, natürlich war Thorsten damals eifersüchtig, ist ja logisch. Aber dann wars ja vorbei. Und heute, ich weiss nicht. Ich kann nicht in ihn hineinsehen, Sie müssen ihn schon selber fragen!»

Das hätte der Kommissar gerne gemacht. Er fuhr ins Hotel am Bodensee und fragte an der Reception nach dem Chef de Service. Aber der war nicht da. War nicht zur Arbeit erschienen, hatte sich auch nicht krank gemeldet. Thorsten Müller war weg. «Und seit wann ist er weg?» – «Ja seit heute Morgen», entgegnete das nette Fräulein an der Réception. «Und jetzt ist neunzehn Uhr dreissig! Und mich anzurufen, ist Ihnen nicht in den Sinn gekommen?» – «Ja, da haben Sie eigentlich recht ...»
Thorsten Müller war untergetaucht. Casparis telefonierte mit Frauenfeld und liess nach dem Chef de Service suchen. Signalement. Fahndung. Sachdienliche Hinweise. Sofort. «Sofort? Jo wohrschiinlich, Casparis! Es ist halb acht! Morgen ist auch noch ein Tag», tönte es von Frauenfeld.
Vielleicht wusste ja die schöne Nina noch etwas mehr. Wo ihr Partner sein könnte zum Beispiel. Vielleicht war er ja doch eifersüchtiger, als sie sagte. Sehr viel eifersüchtiger. Da die Weinhandlung schon geschlossen war, fuhr der Kommissar – ganz spontan sozusagen – direkt zur ihrer privaten Adresse. Das lag auf der Hand und ausserdem auf dem Heimweg. Er hoffte auf nichts. Denn an manchen Tagen wusste Casparis alles schon vorher. Und heute war so ein Tag.

Natürlich war niemand Zuhause. Es brannte kein Licht und auch auf sein Klingeln regte sich nichts. Es war stockdunkel. Casparis kletterte über den morschen Holzzaun und schlich durch den etwas verwilderten Garten zur Rückseite des Hauses. Dunkel auch da. Natürlich hatte er eine Taschenlampe dabei und natürlich waren die Batterien erschöpft und leuchteten etwa so hell wie ein nasser Adventskranz. Aber es gab sowieso nichts zu sehen. Da! Plötzlich hörte er einen Klingelton. Ganz deutlich. Und noch einmal. Das Handy musste auf der Vorderseite des Hauses sein. Das war es auch, es lag auf dem Beifahrersitz in seinem Wagen. Es war Frauenfeld: Der untergetauchte Chef de Service war wieder aufgetaucht. Und zwar wortwörtlich.

Der Hafen vor dem Hotel war von Scheinwerfern taghell erleuchtet. Im Hintergrund lag die Emily vor Anker und es sah es aus, wie am Set von Fitzcarraldo. Volles Programm. Sogar Scheiwiler war da. Als Casparis den Chef sah, dachte er an Kinski in Hochform und prompt legte Scheiwiler los: «Hueresiech, gopfridstutz Casparis! So en verdammte Schissdäck! Hätte man das nicht – hast du das denn nicht kommen sehen, heinomol! Zwei Tote in zwei Tagen! Wie stehen wir jetzt da in den Medien, in der Presse?» Scheiwiler sah offensichtlich wieder einmal seine politischen Ambitionen gefährdet. Mit einem frechen: «Die Öffentlichkeitsarbeit ist nicht mein Problem, Max», liess Casparis den Chef auf der Mole stehen und ging nach vorne zum Steg.
Die Polizeitaucher waren gerade eingetroffen, die Spurensicherung war ebenfalls schon da. «Déjà Vue!», rief Schorsch Brüniger gutgelaunt zur Begrüssung. Und in der Tat, es war alles so wie vor zwei Tagen bei Peroni. Aber jetzt war es der Chef de Service, der mit den Wellen tanzte. Am Steg stand die fassungslose Direktorin und an der Reling des Schiffs der wortkarge Kapitän. Auch diesmal hatte er den Toten entdeckt. Wieder suchten die Taucher den ganzen Grund ab. Diesmal nichts. Kein Telefon und auch sonst nichts. Bei der Autopsie im Kantonsspital St. Gallen würden sie wohl dasselbe herausfinden wie bei Peroni, nämlich nichts: Keine sichtbare Fremdeinwirkung, von der Mole oder vom Steg gefallen oder gesprungen, den Kopf angeschlagen, Wasser in der Lunge, Feierabend.
Zwei Tote in zwei Tagen an der genau gleichen Stelle und immer war der Kapitän als erster am Tatort. Der Kommissar beschloss, ihn genauer unter die Lupe zu nehmen.
Diesmal befragte er den ihn im Salon auf dem Schiff. Der Kapitän gab an, bis etwa etwa halb elf Uhr im Maschinenraum zu tun gehabt zu haben. Der Motor habe bei kalten Temperaturen immer herumgezickt. Wahrscheinlich wegen des Ventilspiels. Als er das Schiff verlassen habe, so gegen Viertel vor elf, habe er unter dem Steg den Toten gesehen. Gehört habe er nichts. Die ganze Zeit nicht. Habe auch ständig den Motor wieder laufen gelassen und geschraubt. «Wissen sie, unten im Maschinenraum hört man sowieso keinen Mucks.» Der Kapitän war redseliger als beim ersten Mal. Machte ihn das jetzt weniger verdächtig? Sein Alibi war wie letztes Mal hauchdünn. Die ganze Zeit im Maschinenraum, allein. Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht.

Als Casparis das Schiff verliess, stand auch Nina Rosetti am Hafen. Mit Tränen in den Augen. Sie brachte kein Wort heraus. Verständlich. Ihr Partner lag tot im Wasser. «Wir können später miteinander reden», sagte Casparis, «ich melde mich morgen bei Ihnen und ja, herzliches Beileid.»

Der Kommissar dachte nach. Am liebsten hätte er die Emily verhaftet. Aber die Emily war ein Boot. Das hätte Scheiwiler wahrscheinlich den Kopf gekostet. Und dem Tagblatt zu einer erstklassigen Schlagzeile verholfen. «Thurgauer Polizei verhaftet Boot.» Casparis beschloss, das Boot den Rest der Nacht zu observieren. Nach einem Absacker, doppelter Espresso mit Calvados in der Hotelbar ging er ins Zimmer, welches ihm die Direktorin als Aussenposten zur Verfügung gestellt hatte: Eine Junior Suite im ersten Stock mit Seeblick.
Inzwischen war es bald zwei Uhr. Die Scheinwerfer waren abgebaut, die Leute weg. Der Hafen lag wieder leer und still in der Nacht am See. Casparis rückte einen Stuhl auf den kleinen Balkon, setzte sich und wartete auf den nächsten Akt. Wie in einer Theaterloge. Er hatte einen lichtstarken Feldstecher dabei, eine Thermoskanne voll Kaffee aus der Hotelküche und diesmal auch die Handschuhe. Er konnte sie brauchen, denn er wartete lange. Vier Uhr zehn. Casparis war durchgefroren wie ein Zanderfilet aus der Tiefkühltruhe. Er hörte die Wellen und das nervöse Flattern der Fahnen im Hafen. Ab und zu eine Möve und dann wieder nur die Wellen. Halb fünf. Schritte. Endlich!
Eine Gestalt mit Kapuzenjacke bewegte sich Richtung Emily. Sie trug etwas. Eine Schachtel oder eine kleine Kiste. Casparis duckte sich tiefer hinter das Geländer, um nicht gesehen zu werden. Schon verschwand der dunkle Umriss samt Kiste auf der Emily. Wann, wenn nicht jetzt! Der Kommissar sprang auf, stürmte ins Zimmer, die Treppen hinunter, vorbei an der leeren Réception, durch die Halle, durchs Gartenrestaurant, zum Hotelhafen, die Mole entlang bis zum Steg. Schon war er an Bord der Emily. Jetzt schaltete er einen Gang zurück. Eine Türe war offen. Aus der Kombüse hörte er Geräusche. Sie kamen von weiter unten, aus dem Vorratsraum. Er zog seine Waffe, schlich leise durch die Schiffsküche und pirschte sich Stufe um Stufe die steile Treppe hinunter. Zuerst sah er den Kapitän mit dem Gesicht zum Weinregal. Er wurde mit einer Waffe in Schach gehalten. Die Kapuze stand keine zwei Meter entfernt mit dem Rücken zu ihm. «Kantonspolizei Thurgau –», weiter kam der Kommissar nicht. Die Kapuze drehte sich blitzartig um und schoss. Nina. Während Casparis rückwärts gegen die Eisentreppe krachte, griff sich der Kapitän eine Flasche, stürzte sich auf die Frau und schlug ihr mit dem Barolo die Beretta aus der Hand. Bei Casparis ging das Licht aus.

Es klopfte an die Türe von Zimmer 205 im Kantosspital Münsterlingen. «Herein», presste Reto Casparis hervor. Sein Bauch schmerzte. Max Scheiwiler trat ein, legte seinen Mantel ab, nahm einen Stuhl und setzte sich ans Bett. «Also Reto! Du bist schon ein Siebesiech!", begann Scheiwiler kopfschüttelnd mit einem Grinsen, «hast uns wieder einmal alle im Dunkeln gelassen! Und selber längst gewusst, was gespielt wird!» Casparis war verwirrt und es war nicht nur das Morphin. «Was mich einfach Wunder nimmt», fuhr Scheiwiler fort, «seit wann dir klar war, dass die Rosetti hinter allem steckt?» Casparis schmunzelte vielsagend. Er hatte keinen blassen Schimmer, wovon Scheiwiler sprach. «Sie hat beide Morde gestanden. Peroni war hinter den Schmuggel gekommen und hatte sie in den letzten Wochen erpresst. Also musste er weg. So weit, so logisch.» Casparis nickte. «Was wir aber nicht verstehen», fuhr Scheiwiler fort, «wieso sie ihren Partner, Thorsten Müller ebenfalls tötete.» «Mhm», machte Casparis und spielte auf Zeit. «Möglicherweise», rätselte Scheiwiler, «ging ihm der Mord an Peroni zu weit und er wollte aus dem ganzen Ding aussteigen. Oder drohte sogar, Nina Rosetti zu verraten.» «Ja genau», schummelte der Kommissar weiter.
«Also, du unterbrichst mich, wenn ich falsch liege», fuhr Scheiwiler fort, «Nina Rosetti wollte gestern alles im Alleingang machen. Normalerweise lief es aber so: Wenn die Emily für eine Dinnerfahrt gebucht war, lieferte die Weinhändlerin ihrem Freund die Drogen, wasserdicht in Weinkisten verpackt. Dieser brachte die Kisten dann auf das Schiff und versteckte sie im Vorratsraum. Das fiel niemandem auf, da er als Chef de Service ja auch den ganz normalen Wein an Bord brachte. Mitten auf dem See aktivierte er die GPS-Sender und warf die Kisten im Dunkeln über Bord. Jemanden anderes mit einem zweiten Schiff, einer Jacht, sammelte die Kisten dann ein und brachte sie nach Deutschland.» – «Stimmt genau!» – «Wir haben keine Ahnung wer. Und Nina Rosetti kennt die Person ebenfalls nicht.» – «Aha», erwiderte der Kommissar, der langsam begann, den Fall zu verstehen.

Der Südwind blähte die Segel von Dr. Dave Kaufmann‘s Jacht «Barolo». Er fuhr mit 8 Knoten auf Kurs 340 Richtung Deutschland. Ohne Fracht. Der blinkende Punkt auf seinem GPS-Display lag diesmal nicht auf dem See, sondern in Frauenfeld. Er wusste wieso. Was er nicht wusste, dass ihm schon bald jemand auf den Fersen sein würde.

Donnerstag, 5. Oktober 2017

Pianisten & Parmaschinken

»Sehnst du dich nicht nach einem Hauch von Leben,
Nach einem heissen Arm, dich fortzutragen
Aus diesem Sumpf von öden, leeren Tagen,
Um den die bleichen, irren Lichter weben?«
Hugo von Hofmannsthal

Drei Tage im Glück. Am letzten Tag hält es die Seidenbluse nicht mehr aus. Am Frühstückstisch muss und bricht es aus ihr heraus, unvermittelt und ungefragt. Ihr finales Fazit, ihre zusammen-gereimte Zusammenfassung, damit auch die weniger Feinsinnigen begreifen, was sie hier wahnsinnig Wertvolles und Wunderbares erlebt haben am Wochenende. Plötzlich redet sie lauter, doziert am Sechsertisch in Zeitlupe und betont jede Silbe überdeutlich, wie bei einem Diktat für Primarschüler: «Was mier alli do zäme i de Toskana händ dörfe erläbe, isch öppis schampar Schöns und ganz, ganz Bsunders gsi. Die unglaublich positiv Energie wo mier gspürt händ. Und alli Mensche do sind so glücklich und so gsund.» Ja gesund, hat sie tatsächlich gesagt!
    Das Glückliche und das Gesunde, das gefällt der einfachen Frau in ihrer pastellfarben aquarellierten Welt aus Ayurveda und Biogemüse. Das sind wohl die Träume ihrer einsamen Stunden, Tage und Nächte: Schöne Menschen mit Geld und Geist, gebügelten Leinenhemden und verwegenen Künstlerfrisuren. Maler, Dichter und Denker allesamt, Filmer, Musiker und Produzenten. Dunkle Schattierungen und Dissonanzen haben in der Welt der harmoniesüchtigen Kindergärtnerin natürlich keinen Platz. Und die Idee, dass dieser Wochenendkosmos, dieser inszenierte Ausnahmezustand aus Poeten, Pianisten und Parmaschinken nur eine dünne Haut, eine Membrane ist, dieser Gedanke ist ihr keinen Moment gekommen. Armes Ding! Was sich dahinter verbirgt, würde sie wahrscheinlich nicht wissen wollen und verkraften sowieso nicht.
    Und jetzt hat sie eh keine Zeit, diesen Dingen auf den Grund zu gehen. Die Seidenbluse muss unbedingt zum Frühturnen, das hier irgendwie Movement Body Experience oder so ähnlich heisst. Und hat natürlich kein Auto. Solche Leute haben ja nie ein Auto. Aus Überzeugung und weil sie keines brauchen. Sie fahren immer bei anderen mit. Und finden es schampar nett.

Thank you Abdullah

»Dieses unsägliche Geklimper, das verlangt,
dass man ernst ins Leere schaut.«
Francesco Micieli, Der Agent der kleinen Dinge

Es ist dunkel. Es ist still. Er kommt. Nein, noch nicht. Doch, da ist er! Ah ja, tatsächlich, da kommt er. Aus dem Dunkel betritt er die Bühne. Schritt für Schritt. Ganz langsam. 84. Schwer zu sagen, ob es ein Neger ist. Ich sitze zu weit weg und das Licht ist zu schwach. Da wird jeder zum Neger. Man sagt doch nicht Neger. Man sagt schwarz. Weiss ich doch. Nicht reden jetzt! Sonst geht er am Ende schon am Anfang wieder. Es heisst, er sei sehr schwierig. Das mag sein. Vor allem aber ist er sehr langweilig. Das steht fest, aber das sagt man natürlich nicht. Also man sagt es schon, aber mit anderen Worten. Man sagt: Das war nicht so meine Musik, mir hat irgendwie zeitweise die innere Spannung gefehlt. Das ist ein Code für: Es war einfach nur ein unsägliches, ideenloses Geklimper eines müden alten Mannes.
    Der Star des Abends ist ein Jahr nach Hitlers Machtergreifung 1934 auf die Welt gekommen. Man taufte ihn Adolf. Adolf Brand. Dafür kann er ja nichts. Später wurde daraus Dollar Brand und jetzt heisst er Abdullah Ibrahim. Wie auch immer er nun heisst, ich schlafe fast ein. Die perfekte Musik, um nach Feierabend ein heisses Bad einzulassen und sich die Pulsadern zu öffnen. Abdullah, mein Depro-Afro. Nicht immer so negativ denken, heinomol! Ich weiss, tschuldigung.
    Oh nein, jetzt trifft er nicht mal mehr die Töne sauber! Armer alter Adolf. Am Schluss, als sich der Wind seiner Partitur bemächtigt, tut er mir fast schon ein wenig leid, der zittrige Greis mit seinem Frotteehandtuch und seiner Einfallslosigkeit. Beim Schlussapplaus stehen alle auf. Wieso auch immer. Ich bleibe sitzen. Francesco ebenfalls. Auch schlechte Musik verbindet. – Thank you, Abdullah!

Ufem Markt in Italie

Am nögschte Tag isch Mercato gsi in Marciana. I ha mi richtig gfreuit uf dä Märt, wiu me findt jo gäng öppis wo-n-eim gfaut u nid viu choscht. Wo mir aui zäme de voreme Stand mit schöne, farbige Tüechere si gschtange, het ds Lisbeth plötzlech gseit, si choufi do ganz sicher nüt, das segi doch nume e riisige Bschiss, das Züg chiemi jo aues zäme us dem Tunesie. Si heigi das im Fernsehn gseh oder im Ktipp gläse. U überhoupt, wüssi das jo jedes Ching. I ha das nid gwüsst, han aber nid dergliiche to. U de hani grad extra sones Tuech kouft u grad no e zweits. I loh mir vom Lisbeth doch nid mi Freuid am Markt verderbe.

Sonntag, 1. Oktober 2017

Auf der Fähre nach Elba

Piombino. Jedes mal die etwas lächerliche Überraschung, dass man nicht alleine ist, die Hoffnung, dass man eventuell eine Fähre früher wegkommt und die Angst, dass man dazu in der falschen Schlange steht. Und dazu natürlich der Hass auf alle anderen. Auch wenn es vielleicht nicht gerade blanker Hass ist, der asphaltierte Platz vor dem weit aufgerissenen Tor der Fähre ist definitiv nicht der Ort, wo man sich spontan verbrüdert und Freundschaften fürs Leben schliesst. Hier ist man genervt – und das zu recht. Es sind einfach zu viele hier. Und sie sind vor allem viel zu nah. Ungewollte Nähe, es gibt nicht viel, was schlimmer ist. Kein Wunder wird man hier in wenigen Minuten so aggressiv wie ein territorialer Buntbarsch in einem zu kleinen Aquarium.

Schau dir mal diesen Idioten mit den rotblonden Haaren und den Schweinsaugen an, natürlich ein Holländer. Seit zehn Minuten lässt er den Motor laufen, obwohl die Schlange steht, so ein Arschloch. Und dann noch Diesel. Wer, bitteschön, fährt denn 2017 noch Diesel! Nebendran diese traurige Familie mit dem überladenen Kombi, den überfressenen Kindern und der überforderten Mutter, ein grauenhaftes Theater! Das Trauerspiel dieser Apokalyptischen Reiter vervollständigt ein Deutscher. Immerhin, er ist nicht dumm und hat gelernt, dass er nicht so gut ankommt im Ausland mit seinen Tipps und hält darum einfach mal die Klappe. Danke.

Viel schlimmer als alles andere und alle anderen aber sind die Schweizer. Sie halten die Klappe nicht. Sie, denen man für ein paar Tage entfliehen wollte, sind nun prompt auch alle hier und machen einem einen dicken Strich durch diese Rechnung. Sie haben sich, so scheint es, vorsätzlich versammelt, um mit ihrem Hiersein deinen Fluchtplan zu vereiteln: Der sehnige Biker, im Militär war er wahrscheinlich Offizier und jetzt hockt er bei Stadler im mittleren Kader und redet gerne über strategische Erfolgspositionierungen und Distributionsstrategien. Seine Frau mit der praktischen Frisur sieht etwa so spannend aus wie ein Gummibaum. Sie redet nicht so gerne, sie hört lieber zu oder weg.
Dann der schwitzende Pensionierte, der sich mit seinem Wohnmobil und seinem kränkelnden Frau noch einen letzten Traum erfüllt, bevor dann irgendwann der letzte Vorhang fällt. Schliesslich die leicht depressive Kindergärtnerin oder Krankenschwester, die niemanden hat ausser sich selbst und das wahrscheinlich zu recht. Nein, hier sieht niemand aus wie Ryan Gosling oder Megan Fox. Hier ist Mittelmass und Durchschnitt das höchste der Gefühle. Und man selber mittendrin. Und das, das mag einem eigentlich fast am meisten.

Mittwoch, 21. Dezember 2016

Italien in Scheiben

An der Sonne ist es heiss. Im Schatten hält man es aus. Italien ist sauberer geworden. Sardinien ist teuer. Früchte kauft man auf dem Markt. Am Meer isst man Fisch. Eine richtige Pizza hat einen dünnen Boden. Eine Margherita kostet vier Euro. Das ist nicht viel. Zum Essen trinkt man Rotwein. Früher war es anders. Italiener sind freundlich. Lass nichts Wertvolles im Wagen. – Das ist ein Kaffee. Da ist der Strand. Der Parkplatz ist voll. Das Restaurant ist voll. Stells in den Schatten. Stells in den Kühlschrank. Stells zu den andern. Das ging aber schnell. Das sieht aber gut aus. Das riecht aber fein. Wie sind die Tagliatelle? Wo sind die Toiletten? Sandalen sind praktisch. Wir kommen wieder.

Dienstag, 20. Dezember 2016

Das totale Frühstück

«Frühstück bis neun Uhr fünfundvierzig», sagt er unvermittelt und blickt ebenso kurz wie uninteressiert hinter seinem Buch hervor. Mehr sagt er nicht, länger schaut er nicht. Er sitzt allein vor dem Frühstücksraum als wir dort einen Moment zu lange zögern, uns einmal zu viel umschauen. Frühstück bis neun Uhr fünfundvierzig. Mit der deutschen Präzision tönt es wie ein Befehl. Ab neun Uhr fünfundvierzig wird zurückgefrühstückt. Tönt einfach so. Er kann nichts dafür. Ich auch nicht.

Alles ist für immer

Da liegen sie, einer neben dem andern, am Strand vor dem Lido. Sie schauen nicht weg, sie schauen einfach in eine andere Richtung. Aufs Meer hinaus. Es ist ruhig, die Strasse hinter dem Strand ist gesperrt. Ein Carabineri winkt und erklärt. Dann nähert sich der Zug. An der Spitze der Pfarrer im Ornat. Ave Maria ora pro nobis. Die alten Frauen, Nonnas wie aus italienischen Filmen der 50er Jahre, mit schwarzen Kopftüchern und bleichen Gesichtern. Ein paar Dutzend Menschen und ein dunkler Mercedes. In der Nachmittagshitze. Im Schritttempo der alten Frauen. Langsam und unaufhaltsam. Richtung Friedhof. Wo sie liegen, einer neben dem andern, wie am Strand vor dem Lido. Für immer.

Anders hat aufgegeben

Anders ist am Ende. Nach einer Flasche Nebbiolo im müden elektrischen Licht der Veranda hängt er in seinem Sessel wie ein erschlagener Bär. Der Tag war lang und anstrengend. Sie ist aus Südamerika, tanzt mit dem Padrino, singt mit dem Gitarrero. Noch ein Lied und noch eins, Cielito lindo bis zum Abwinken, Corazon bis Mitternacht. Die Gäste im Agriturismo sind längst auf ihren Zimmen, das Personal will nach Hause. Mezzanotte. Unvermittelt löscht das Licht auf der Veranda und im ganzen Haus. Der Musiker klappt den Gitarrenkoffer zu und verschwindet im Dunkel. Mitternacht, alles klar. Anders atmet auf. Unhörbar. Endlich, alter Schwede! Doch für Sie ist die Party noch nicht zu Ende. Noch lange nicht. Wir gehen ins Dorf, sagt Sie. Anders verzieht keine Miene, zögert keine Sekunde. Er steht auf und startet den Wagen. Anders hat aufgegeben.

Montag, 19. Dezember 2016

Das Hotel am Arsch der Welt

Hors saison. Ein Restaurant mitten in Frankreich. Die Platzteller sehen aus, wie mundgemalt von Marc Chagall. Das Mobiliar könnte auch aus einer Gelsenkirchener Quartierbeiz sein. Die Chefin hat eine Frisur wie Angie Bowie 1972, trägt eine karminrote Kunstlederjacke und einen schwarzen Jupe. Der Raum riecht dezent nach Petrolium und Linoleum. Der Koch, schmale Brille, graue Locken, um die sechzig, eine seltsame Melange aus gestandenem Chèf de Cuisine und depressivem Gelegenheitsalkoholiker, schaut alle paar Minuten durchs kleine Fenster der Küchentüre. Nach links und nach rechts. Er mustert die Tische. Ab und zu verlässt er die Küche und rauscht wie ferngesteuert apathisch an den Tischen vorbei durch den Raum und verschwindet. Wenig später kommt er, wortlos wie er gegangen ist, wieder zurück, rauscht wieder an den Tischen vorbei und verschwindet in seiner Cuisine.
     Im Restaurant spielt man derweil Grand Hotel. Die beiden Serviererinnen haben sich in etwas zu enge schwarze Hosenanzüge gezwängt und sehen darin aus wie Flugbegleiterinnen einer Billig-Airline. Offensichtlich sagt es ihnen niemand und sie selber sehen es auch nicht. Vielleicht gehören sie auch zu den Menschen, die, egal was sie anziehen, immer etwas unvorteilhaft aussehen. Sie sind auch nicht für die Optik da, sondern für den Service.
    Fixe Abläufe, klare Regeln. Wer bekommt welchen Tisch, wer serviert den Hauptgang, wer öffnet den Wein. Man ist stolz auf das etwas ritualisierte Getue, das gehört schliesslich dazu und stützt den Mythos: Ja so speisen chez nous die besseren Stände. Neben einer Säule, natürlich nicht angelehnt! steht jetzt die schlankere der beiden Flugbegleiterinnen. Ihr Blick gleitet lautlos und ununterbrochen wie der Scheinwerfer eines Leuchtturms über die Tische. Langsam dreht sich der Kopf von links nach rechts und zurück nach links. Hier, schnell, Wein nachschenken! Dort, sofort Bestellung aufnehmen! Keine Sekunde gähnt ein leer gegessener Teller vor dem Gast. Was sie wohl denkt, die Leuchtturmfrau, angespannt wie sie da steht: Jetzt bloss keine Fehler machen! Sonst kommt die Kunstlederjacke und macht die Leuchtturmfrau so klein wie einen Putzeimer.
    Hier steigen sie ab, die pensionierten Philologen, Biologielehrer und Musik-Therapeuten aus der Schweiz, die jetzt mit Zeiss-Fernglas, Pflanzenatlas und allerlei praktischem Krimskrams bewaffnet ihrer Liebe zu den wildwachsenden Orchideen (Cypripedium calceolus) Ausdruck verleihen. Eine muntere Truppe und nicht dumm. Reden am Tisch selbst nach der Käseplatte und der dritten Flasche Saint-Emilion noch in verschachtelten Sätzen und zitieren Cicero fehlerfrei und ungefragt. Aber zu fröhlich darf es dann doch nicht werden und zu lang darf es auch nicht dauern, denn die Exkursion – vom Philologen vielleicht sogar mit C geschrieben – beginnt am nächsten Morgen um halb Acht. Und zwar pünktlich.
     In der anderen Ecke des Raumes sitzt eins dieser schweigsamen Paare, die es in fast jedem Restaurant gibt und bei denen man sich nach einer Weile immer fragt, wieso die noch zusammen sind, wenn sie sich nichts mehr zu sagen hat. Oder ist das gemeinsame Schweigen vielleicht nichts anderes als die letzte Stufe zum Weissnichtwas. Oder haben sie einfach grad eine Krise?

Der Ballon

Er sieht aus, wie die Kreuzung eines Sumoringers mit einem Heissluftballon. Wenn er einen Raum betritt, wird es für alle enger. Wenn er wieder geht, atmen alle auf. Wenn man ihn anschaut, fragt sich unwillkürlich, ob es so grosse Grössen überhaupt gibt. Wenn man ihm zuhört, fragt man sich, ob es so kleine Gedanken wirklich braucht. Aber man kann sich ja schlecht die Ohren zuhalten, während des Steh-Apéros mit Häppchen und Weissweinglas in der Hand.

Das kurze Ende

Das einzige was gegen Cellulite hilft, sind lange Hosen.

Sehen alle so aus, als hätten sie irgendwas falsch gemacht im Leben. Oder noch schlimmer, es zu spät bemerkt. Und so laufen sie dann rum in ihren Ferien. Irgendwie enttäuscht, mit kurzen Hosen und langen Gesichtern. Ja, das Leben ist ganz schön ungerecht und die Empfehlungen des Reiseführers auch alle nur halb so schön. Zwei Wochen haben sie gebucht. Da müssen sie jetzt durch. Wieder mal das kurze Ende erwischt. Sie sind es gewohnt. Und haben es schon so verinnerlicht, dass ihnen vielleicht sogar etwas fehlen würde, wenn es einmal anders wäre.

Wie ein Radio

Es ist nicht so, dass er besonders viel zu sagen hätte. Nein, das hat er wirklich nicht. Trotzdem redet er gerne. Und viel. Muss reden. Selber. Immer. Kann gar nicht anders. Mischt sich in jede Unterhaltung, klinkt sich in jedes Gespräch ein. Hat überall auch noch was zu sagen, ungefragt etwas beizusteuern. Die kleinste Pause reicht, bereits das Luft holen zwischen zwei Sätzen ist sein Einsatz, sein stummes Stichwort. Darauf warten er, lauert geradezu. Und dann dröhnt es aus ihm heraus, bricht hervor, ungebremst, dann trumpft er auf und gibt dem Gespräch eine neue Wendung und das, was er wohl unter Pep und Witz versteht. Hört her, das ist ja noch gar nichts gegen das, was mir passiert ist, neulich, gestern, gerade eben.

Und dann ist es gelaufen. Und was als nettes, kleines Gespräch begann und sich wie eine rankende Pflanze bald hierhin, bald dorthin einen Weg gesucht hat, wird nun zum breitspurigen Monolog mit dem Charme einer Panzeroffensive. Unterbrochen allenfalls noch vom Beifall des Publikums. Denn natürlich ist er ein guter Unterhalter, gestikuliert wie ein Schauspieler, macht Kunstpausen an den richtigen Stellen und setzt die Pointen perfekt. Er macht es mit der gleichen Meisterschaft mit der er auch jeden Dialog beendet.

Überraschung zum Geburtstag

Sie war sehr überrascht, als er ihr zum 50. Geburtstag eine riesengrosse Tiefkühltruhe schenkte. Vor allem als er den Deckel schloss. Aber sie hätte es sich ja denken können. So wie die letzten Jahre zwischen ihnen abliefen ...

Betteln verboten

In dieser Stadt muss man etwas tun fürs Geld. Jeder, sogar der Bettler. Mit abgetragenen Kleiden und fettigen Haaren unrasiert in der Fussgängerzone kauern und die Hand aufhalten, zählt nicht. Das will niemand sehen. Stummes, vorwurfsvolles Leid ohne Musikbegleitung macht keinen Spass. Darum ist es wahrscheinlich auch verboten. Die Polizei hat ein Auge drauf, dreht die Runde und sagt den Bettlern, dass das nicht geht. So nicht! Weil nicht erlaubt. Also schau, dass weiterkommst! Können ja mit einer Geige wiederkommen! Dann passt es dann schon. Aber wie kommt man zu einer Geige – ohne Geld! Ja, das wissen die Polizisten nicht und letztlich ist es ja auch nicht ihr Problem. Es gibt welche, die kommen tatsächlich mit einer Geige wieder. Aber das reicht dann natürlich auch nicht. Man muss die Fidel schliesslich nicht nur in der Hand halten, sondern auch drauf spielen können. Also muss man auf dem Polizeiposten den Polizisten etwas vorspielen. Und die sagen dann, ob es gut war. Also gut genug für eine Bewilligung.

Fertilia

Das nenn ich einen Geheimtipp. Kaum drei Kilometer von Alghero, dem unangefochtenen, touristischen Hotspot Sardiniens, wo im Sommer an die fünfzigtausend Italiener einen Parkplatz suchen, sich den Rücken einschmieren und Sonnenschirme aufspannen, liegt Fertilia. Hier steht keiner an im Supermercato, hier stellt man den Combi einfach unter den nächstbesten Baum und geht schwimmen. Eine Pizzeria, eine Bar, ein Cafe, ein kleines Hotel. Das wars. Wer hierhin kommt, hat entweder eine kranke Faszination fürs Morbide oder einfach schlecht recherchiert. Hier beeindruckt kein befestigter Hafen gegen die Sarazenen, keine romanische Kathedrale gegen die Sünden. In Fertilia gibt es nichts zu sehen, denn die Stadt hat keine Gechichte. Jedenfalls keine, die man den Touristen verkaufen will. Im Reisebuch stehts dann aber doch, was man hinter der klotzigen Architektur schon vermutet hat: Die Stadt ist nicht langsam gewachsen, sich wurde hingestellt. In den 30er Jahren. Eine der gloriosen Ideen des Duce. Die Einwohner sind natürlich auch nicht von selbst gekommen. Sie wurden im Veneto zusammengesucht und hierher verfrachtet. Um aus den Sümpfen Ackerland zu machen. Nun macht mal. Fertilia, die Fruchtbare. Auf gehts! Inzwischen sind 70 Jahre vergangen. Die Sümpfe sind weg, Mussolini ist weg, die faschistoiden Fassaden Fertilias sind noch da. Und wenn man damit leben kann – ein echter Geheimtipp.

Money is not the problem

«Money is not the problem. I have money», sagt Vladimir. Viktor sagt nichts. Wahrscheinlich hat auch er hat keine Probleme. Aber offensichtlich auch keinerlei Sprachkenntnisse. Das kümmert ihn wenig, denn Geld ist schliesslich eine Sprache, die man auf der ganzen Welt versteht. Die beiden Russen sind zum Tauchen nach Sardinien gekommen, direkt von Zypern, fliegen Ende Woche nach Kenia weiter und eine Woche später nach Grenoble. Na klar, wer gut verdient, hat auch einen guten Urlaub verdient. Das Meer ist gut aber noch mehr ist natürlich besser. Diese erstaunlich einleuchtende Philosophie gilt bei Vladimir selbst für eine Pizza Margherita. Er hat sie am liebsten mit Büffelmozzarella, Pilzen, Kapern, Oliven und einer nicht zu knappen Portion Prosciuto. So üppig wie er sich eine Margherita vorstellt, malt er sich auch seinen Traumurlaub aus. Eigene Luxusjacht, na logisch, eisgekühltes Bier und Fritto Misto aus der Bordküche. Nicht zu vergessen die atemberaubenden Bikinimädchen, die ihm nach dem Tauchen in den monogrammbestickten Bademantel helfen. Ein grosser Traum, selbst für Vladimir. Fraglich ob er sich je erfüllen wird. Sein keiner Traum, am nächsten Tag wieder mit Viktor zum tauchen zu fahren, wird sich garantiert nicht erfüllen. Die Russischen Ehefrauen haben andere Pläne und es ausserdem satt, den ganzen Tag allein im kleinen Ferienkaff zu sitzen. Ohne ihre Männer. Und vor allem ohne Shopping-Meile. Soviel haben sie von ihren Männern gelernt: Money is not the problem.

Mittwoch, 7. Oktober 2015

Der Taucher

«Alles klar, ihr seid die Schweizer», sagt er und strahlt uns dabei so masslos begeistert an, als ob wir gerade einen Weltrekord gebrochen oder den Nobelpreis gewonnen hätten. Dabei haben wir nur das Auto vor seinen Laden gestellt und sind müde. Das kümmert ihn aber wenig. Seine Augen leuchten, das manische Dauergrinsen will nicht abreissen. «Alles klar, die Schweizer, ja gibts denn sowas!» Jetzt muss er aber alles wissen. Jetzt, sofort. Wie lange seid ihr denn schon, wo habt ihr, habt ihr bereits und wie lange und so weiter und so fort. Selbst die Antworten auf die einfältigsten Fragen werden mit einem beinahe hysterischen Lachen quittiert. «Seid ihr mir dem Wagen da, ja?  Alles klar, hahahah - ja das ist ja super!» Auch bei ihm ist natürlich alles supermega. Er grinst, wie wenn er die Freizeit persönlich erfunden hätte. Dabei ist er bloss Angesteller einer kleinen Tauchschule und heisst Sigi oder Yogi oder Padi oder so. Wie die halt heissen. Ja genau, super, alles klar!

Teva Sandalen

Teva Sandalen, sagt sie. Weisst du, so wie meine, sagt sie. Die sind echt cool, sagt sie. Wahrscheinlich meint sie für die Füsse. Sicher nicht für die Augen. Denn in Sandalen sehen selbst normale Menschen aus wie gescheiterte Biologielehrer oder bescheuerte Anhänger einer indischen Sekte. Aber wer weiss, vielleicht gibts so Sandalen ja auch in schön. Nicht sehr wahrscheinlich, aber immerhin möglich wäre es ja. Ein kleiner Hoffnungschimmer. Auf ins Sportgeschäft, wo eigentlich fast alles irgendwie schön oder wenigstens schön sportiv ist. Na ja, fast alles bis auf die Sandalen. Denn egal ob man im Regal zum rustikalen Jesus-Modell aus natürlich gegerbtem Schweizer Bio-Rindsleder oder zum carbonverstärkten taiwanesischen Hightech-Treter namens Outdoor Explorer greift, grottenhässlich sind sie beide und auch alle Varianten dazwischen spotten jeder Beschreibung. Kurz vor der Kapitulation finde ich in einer Wühlkiste dann ein runtergesetztes Paar, letztjähriges Modell. Zwar ebenso hässlich, wie seine Kollegen im regulären Regal, aber nur halb so teuer. Passt! Da greif ich doch freudig zu. Nicht etwa aus Überzeugung, sondern als Schadensbegrenzung. Und dann sinds ja erst noch Teva-Sandalen - das Original, die Richtigen, die Echten. Und als echte Sandalen auch sie natürlich eine hammerharte Faust aufs Auge und eine grobe Beleidigung des guten Geschmacks: Zwei schwarze, unförmig orthopädisch gebogene und genoppte Teile aus Plasik und Gummi mit der Beschriftung spider rubber und allerhand strammem Riemenzeugs dran. Das erinnert weniger an einen Schuh als an ein undefinierbares Sadomaso-Spielzeug aus einem Pornoshop. Oh ja Olga, machs enger, gibs mir, quäl mich!

Zugegeben, es sind zwar nur Sandalen, aber sie funktionieren erstaunlicherweise nach dem selben Prinzip. Schon nach ein paar hundert Metern tuts höllisch weh am Knöchel. Enger machen bringts natürlich nicht, also weiter machen. Immer weiter. Am Ende des Tages gehts dann definitiv nicht mehr weiter, weil die Füsse bluten. Für sie ist der Fall klar. Das Problem sind natürlich nicht die Marken-Sandalen, sondern meine Noname-Füsse. Die müssen sich erst dran gewöhnen. Aber woran? An den Schmerz natürlich! Denn wie sagt doch die Werbung: Teva Sandalen - wer drauf steht, steht auf Schmerz.

Der Ventilator

Beim Betreten eines Hotelzimmers ist man selten positiv überrascht. Vier Wände sind knapp um ein Doppelbett drapiert und ergeben so eine Grundfäche, die man allenfalls noch im sozialen Wohnungsbau Bulgariens findet oder in Strafvollzugsanstalten. Das Mobiliar mit dem obligaten, viel zu grossen Schrank scheint direkt aus einer Niederbayrischen Beamtenwohnung der 70er Jahre zu stammen. Und alles ist etwas zu dunkel. Eiche fourniert, poliert und borniert.

Diesmal war es anders, richtig nett. Ein Appartement direkt unter dem Dach. Mit allem drum und dran und einem grossem, wirklich erstaunlich grossen Balkon hoch über den Dächern des Ortes samt freiem Blick weit über die ganze Bucht. Wow!

Sag ich ja immer: Wenn man ans Gute glaubt, erfährt man es auch. Für 35 Euro pro Peron und Nacht, denn alles Gute hat auch hier seinen Preis. Und der gute Preis natürlich einen Haken. Und jetzt kommt der Ventilator ins Spiel. Nein, es geht jetzt nicht um eine putzige Samsung-Klimaanlage aus Taiwan, die hin und wieder völlig unmotiviert etwas raschelt, nuschelt oder röchelt mitten in der Nacht. Es geht auch nicht um einen dieser kleinen italienischen Hinundher-Luftverteiler, die dumpf surrend in einer Ecke stehen und nicht viel mehr können, als unangenehmen Durchzug zu simulieren. Der Ventilator um den es hier geht, ist fett. Sehr fett. Und vor allem: er riecht nach Fett.

Natürlich gehört er nicht zum netten Appartement. Aber er sitzt auf dem Dach gleich daneben. Er gehört zur Küche. Schon klar, die dort unten im Zwiebelduft sieden, braten und schmoren, haben ja auch frische Luft verdient. Hin und wieder.

Da sitzt du also abends auf der Terrasse und schaust aufs Meer und auf den Mond. Und hinter dir tront, droht vielmehr, wie ein blechernes Damoklesschwert auf dem Dach, der Ventilator. Still und böse. Lauert und wartet auf seine Zeit. Jetzt einfach nicht bewegen, um die Bestie nicht zu wecken. Irgendwann ist es dann aber doch soweit, jeden Abend. Denn sie kommt, unabwendbar, die Essenszeit. Und irgendwo, einige Stockwerke weiter unten, drückt jemand auf den roten, abgegriffenen Knopf und hinter dir, einen Meter oder zwei vielleicht, beginnt sich der Rotor zu drehen. Langsam zunächst, dreht dann hoch wie eine Sirene und rauscht schliesslich brummend laut und gleichmässig. Aber das Rauschen und Rattern ist erst der Anfang. Während es oben bereits scheppert, machen sie sich erst auf den Weg, steigen erst den Schacht hoch, die bösen Küchendämpfe. Langsam kriechen sie den Wänden nach, diese fettigen, klebrigen, schmierigen, unappetitlichen Düfte, diese widerliche Mischung aus Frittieröl, verbranntem Fett und Küchenschweiss. Und dann ist es soweit, dann sind sie da, ganz oben, der metallene Rachen würgt sie heraus, erbricht sie schwallweise in die mondhelle Nacht. Der widerliche Gestank breitet sich aus, schlagartig über den ganzen Balkon, vernebelt das halbe Panorama, vermiest die ganze Stimmung.

Ja Scheisse, leck mich doch am Arsch! Da kann ich den Kopf ja gleich in die Fritteuse stecken! Also schnurstracks runter in die Küche. Da ist sie auch schon, die Fritteuse und das ungehörige, dazugehörige Bedienpersonal. Die kennen das Problem natürlich längst. Die unselige Liaison der stinkigen Küche mit dem schönsten Appartamento des ganzen Hauses. Mezz’ora, eine halbe Stunde. Nun gut, man ist ja kein Unmensch und muss sein Urlaubsglück nicht unbedingt auf dem Unglück des Küchenpersonals aufbauen. Ein paar Minuten später, wird das Monster tatsächlich müde, der Motor verstummt, der Rotor dreht noch ein paar Minuten langsam aus und steht schliesslich still. Der Lärm ist weg. Der Gestank bleibt. Dieses Problem können sie in der Küche beim besten Willen nicht mehr lösen. Also bleibt nur eins, man muss in windstiller Nacht mit Badetüchern den Frittenduft vertreiben. Hinweg, hinaus. Also fuchtelt und schwingt, fächert und schüttelt man herum, mit Tüchern und Kissen, verbissen und verzweifelt, wie wenn es gälte einen Ausdruckstanz-Wettbewerb zu gewinnen. Das Schamanenritual zeigt seine Wirkung. Bis auf eine äusserst widerspenstige Nuance von Calamari fritti, ist die Terrasse jetzt nicht mehr kontaminiert. Wenigstens bis morgen Abend. Und dann? Geht das ganze spiel wieder von vorne los. Auf lange Frist nachhaltiger wäre es zweifelsohne, die Küche zu sprengen oder dem Architekten die Hände zu brechen.

Mein Reise-Führer

Man sollte einem Führer nie blind folgen. Weiss man ja. Neu vielleicht, dass diese Binsenweisheit auch für Reiseführer zutrifft. Wenn da steht: offen, kanns also durchaus auch geschlossen sein und mit links abbiegen kann auch rechts gemeint sein. Alles halb so wild, man ist ja im Urlaub und also in einem fernen Land und also tolerant gestimmt. Auch dem Autor gegenüber, denn, so einen Führer zu schreiben, ist ja sicher gar nicht so einfach. Man will den Reisenden neugierig machen auf tausend Sachen und muss dazu das Land im besten Licht präsentieren. Da greift man in der Hitze des Gefechts auch mal etwas zu tief in die verbale Trickkiste: Aus einem ausgedörrten Tal wird Handkehrum das «Death Valley Sardiniens», ein drei Meter hoher unförmiger Steinklotz zum «gigantischen Denkmal». Was solls, hat mans einmal begriffen, dividiert man die Beschreibungen einfach durch des Schreibers Dauerbegeisterung und weiss dann in etwa, was man von «einem der schönsten Strände der Ostküste, wenn nicht des ganzen Mittelmeerraums» zu erwarten hat. Oder man schaut einfach nicht mehr ins Buch. Oder sich gar nichts mehr an.

Viorell

Am Ende der Strasse, mitten im glühenden Nichts Sardiniens taucht der Bauernhof auf. Verlassen in der Mittagshitze. Gleich dahinter versperrt ein massives Eisentor die Weiterfahrt zur Sehenswürdigkeit. Im Rückspiegel taucht er auf, ganz klein und wird schnell grösser, wie wenn er auf diesen Moment gewartet hätte. Dann ist er da, sein Einsatz. Proprietà privata, sagt er durchs heruntergelassene Seitenfenster und cinque euro, sagt er auch noch, wie er es schon so oft gesagt hat. Eine abgetragene schwarze Hose, die vielleicht mal zu einem Anzug gehört hat und ein zu kleines, zerschlissenes braunes Hemd aus der Kleidersammlung. Offiziell wirkt das nicht. Man sieht es auf den ersten Blick. Er weiss es auch. Trotzdem bleibt er dabei, cinque euro und zwar per ogniuno. Er rückt seine Mütze zurecht und wartet. Wie schon so oft, neben den grossen und kleinen Autos verirrter Touristen. Na gut, soll er seinen Batzen haben. Vielleicht hat er nicht das Recht dazu. Aber er verdient vielleicht 500 Euro im Monat, was ist da schon recht.

Eine Tankstelle in der Nähe von Brasov. Viorell wartet. Wartet schon den ganzen Vormittag. Dann, kurz vor zwölf kommt er doch noch, der Mann, der ihn herausbringt. Raus aus Rumänien. Zum Arbeiten nach Italien. Wie vor zwei Wochen besprochen und per Handschlag abgemacht. Mit dem Auto nach Brasov, mit dem Zug nach Genua, mit der Fähre nach Sardinien. Eine lange Reise für jemanden wie ihn. Aber immerhin Arbeit. Kost und Logis. Und etwas Geld.

Viorell steckt sich eine Zigarette an, öffnet das erste Gatter und winkt hinein. Geht vor dem Wagen her, öffnet auch das zweite Tor und winkt. Geschäftig und routiniert wie ein Museumswärter. Natürlich schliesst er wieder. Wegen der Schafe. Er ist allein auf dem Hof. Seine Frau ist in Brasov, der Padrino schaut bloss ein, zwei mal die Woche vorbei. Der ist schon recht. Hat ihn bei der Ankunft von der Fähre abgeholt und ihm zwei Bier spendiert. Hat ihm auch gesagt, dass er das mit dem Eintritt machen könne. Er wolle einfach keinen Ärger deswegen. Bekommt er auch nicht. Die Carabinieri schauen weg. Wissen ja auch, dass er gar nicht da ist, offiziell. Keine Papiere und nichts. Das würde nur kompliziert, wenn man da irgendeinem Wink oder einer Beanstandung nachgehen würde. Die Touristen sind schliesslich nach zwei Wochen wieder weg. Viorell bleibt. Und mit dem Padrino will man es sich schon gar nicht verderben.

Das megalithische Hünengrab mit der 27 Tonnen schweren Steinplatte sei aus dem 3. oder 2. Jahrtausend vor Christus. So stehts im Reiseführer. Viorell hat eine ganz andere Theorie. Mit der Hand wischt er etwas Sand beiseite und erklärt. Das gehört dazu. Ist dabei, bei den cinque euro. Ist aber schnell erledigt. Dann erzählt er von den Schafen, die sich verirren und vom Schwein, das er letzte Woche schlachten musste, von den drei tschechischen Touristinnen und allein reisenden Frauen. Und von seinen fünf Kindern. Es ist wie es ist.

Er steckt sich eine Zigarette an und schaut übers ausgedörrte Land. Jetzt muss er zu seiner Herde. Gute Reise, drum bun! Und nicht vergessen das Tor zu schliessen, wegen der Schafe. Wir gehen. Viorell bleibt. Im Rückspiegel wird er wieder kleiner und verschwindet schliesslich ganz. Einmal pro Jahr geht auch er für ein paar Wochen nach Hause. Bringt seinen Lohn heim. Und ein kleines, gerolltes Bündel fünf Euro Scheine.

Der Zwerg

«Ich werde immer kleiner,» dachte Jürgen Schneider eines Morgens beim Aufstehen. Er fühlte sich so schlecht wie jeden Morgen und schrieb den Gedanken darum seiner miesen Laune zu. Er wusste, nach dem Kaffee würde von diesem Gefühl wenig mehr übrig sein und im Büro wäre er dann sowieso wieder der Grösste. So kam es auch, wenigstens an diesem Tag. Im Aufzug betrachtete er sich im Spiegel und es schien ihm, als habe er den neuen Anzug doch eine Nummer zu gross gekauft. ((...)) Wurde ihm langsam bewusst, dass er tatsächlich jeden Tag – oder jede Nacht, das wusste er noch nicht genau – kleiner wurde. Am Anfang war es ihm nicht aufgefallen, denn es waren wohl nur Millimeter. ((...)) Jetzt fiel es schon seinen Kollegen auf. «Ich dachte immer ich sei grösser als du?» Meinte Georg beim Anstehen in der Cafeteria. ((...)) Dr. Alfred Steinmann, sein Hausarzt schüttelte nur den Kopf und empfahl ihm einen guten Psychiater. «Machen Sie wieder mal Ferien, arbeiten Sie weniger!  «Wieder Zuhause holt Jürgen seinen Pass und einen Doppelmeter.

Dienstag, 18. Dezember 2012

Boardingsyndrome

Notizen einer Rückreise

Der Taxifahrer hat die verrücktesten Geschichten auf Lager. Ich verstehe allerdings die Pointen nicht, was vielleicht auch daran liegt, dass ich überhaupt nichts verstehe. Natürlich sage ich trotzdem ab und zu: that’s really amazing oder unbelievable! Zum Glück dauert die Fahrt bis zum Flughafen nur 45 Dollar.
Wer nach einer Basketballmannschaft eincheckt, hat wenig Aussicht auf einen Platz in der Exit Row. «But also very comfortable», sagt die Barbiepuppe beim einchecken und legt den Boardingpass lächelnd auf den Tresen. Ihre Freundlichkeit ist so aufgesetzt, dass ich unweigerlich an eine Androidin denken muss oder an eine übertrainierte Sozialarbeiterin. Beim Zoll wirds dann kurz hektisch: «Wo ist Ihre grüne Karte?» Was weiss denn ich! Also bekomme ich eine, allerdings leer. Zurück auf Feld eins, ausfüllen und nochmals hinten anstehen, so wollen es die Spielregeln. Ausgedacht von sadistischen Statistikern.
Der Platz im Flieger ist dann alles andere als bequem. Immerhin, neben mir sitzt eine Thailänderin, die mich ab und zu mit ihren grossen, braunen Augen anschaut und lächelt. Zuckersüss und das mit kaum sechs Jahren. Der Blick in die Speisekarte verrät weniger gutes: Der Rotwein ist aus Frankreich – merde! Er wird knapp über dem Gefrierpunkt serviert, was dem üblen Chateaux Toujours allerdings keineswegs schadet. Wenigstens gibts ein paar brauchbare Filme im Programm. Der Ton brutzelt aus den Kopfhörern, als wärs ein Led Zeppelin Kassettenrekorder-Bootleg aus den 70ern. Dafür ist das Bild winzig und erstaunlich unscharf. Nach einem Double-Feature sind die Augen jedenfalls hart am Anschlag. Was solls, wer acht Stunden im Flieger sitzt, kennt das Trombosen-Risiko und kalkuliert auch eine mögliche Erblindung ein.
Singapur. Spätabends vier Stunden zwischen müden Kois, müden Transittouristen und müden Verkäuferinnen. Und weit und breit nichts, was die Stimmung heben könnte. Nicht mal Geld ausgeben macht bei diesen Preisen richtig Spass. Also einfach rumhocken und blöd schauen. Senioren in Rollstühlen. Als ich Schweizer miteinander reden höre, kommt mir spontan das Wort Selbstzufriedenheit in den Sinn. Ist das vielleicht der Kern unserer statisch-staatlichen Mentalität?

Boarding. Immer wieder ein sehenswertes Spektakel. Reflexartig drängen und schieben sich erwachsene Menschen nach vorne. Wie wenn gratis Bratwürste verteilt würden. Werden aber nicht. In Singapur schon gar nicht. Und die Platznummer hat man seit Stunden im Sack. Trotzdem: man drängt. Eines der letzten unerforschten Geheimnisse der menschlichen Psyche. Angelernt, genetisch oder pathologisch: Das Boardingsyndrome. Schliesslich sitzen alle auf ihrem Platz. Das Kind schreit von Anfang an, ohne Unterbruch. Am Anfang noch innerhalb der kindlich-panischen Toleranzgrenze. Dann wirds immer furioser und schliesslich so gepresst, laut und bestialisch, dass in den Köpfen der Passagiere der Ruf nach einem Exorzisten laut wird, denn das Kind ist vom Teufel besessen, das steht zweifelsohne fest.
Schweiz. Schon im Dock aus dem Flieger muss man den Pass ein erstes mal zeigen. Und zwar nur von aussen. Rot muss er sein. Schweizerrot. Dann sagt der schneidige Berufsschweizer: Jawohl, tipptopp! Was für ein bornierter Rechtsstaat. Im Zug nach Chur tauschen zwei Handarbeitslehrerinnen wertvolle Buchtipps aus. Tiefsinnige Geschichten über Mozarts Leben, sterbende Kinder und sibirische Prinzessinnen. Ihrer munteren Dauerunterhaltung entnehme ich auch, dass es die antroposophische Buchhandlung nicht mehr gibt. Was für ein Verlust! Endlich. Endstation Chur. Der neue Bahnhof macht was her. Alles ist jetzt besser, schöner und vor allem viel grösser. Alles überdacht und durchdacht. Ein Taxi suche ich allerings vergeblich.

Vecchietto

Wetten, die sind gar nicht echt, nein, sind sie nicht, diese alten Sarden, auf die du hier überall triffst. Sieht man doch auf den ersten Blick, die sehen doch alle aus wie gecastet für das Titelbild des Geo-Magazins über Sardinien: Zerfurchte, gelebte Gesichter, regelrechte Charakterköpfe, in Jahrzehnten, wenn nicht Jahrhunderten geformt von Entbehrung, harter Arbeit, Pecorino und Rotwein. Man sieht sie auf dem Dorfplatz, in der Pizzeria, beim Agriturismo. Die sind nicht echt. Mir macht man doch nichts vor, das ist doch alles inszeniert. Die machen das doch als Job, für Geld. Verstehst du? Präsenz markieren, freudlich sein, Fremde ansprechen und von früher erzählen. Quando ero giovane, tanti anni fa ... Dazu gibts bestimmt ein Manuskript, ganz klar, hör doch mal genau hin, das merkt man doch, das haben die auswendig gelernt und wenn nicht Wort für Wort, so doch sinngemäss in groben Zügen und tragen es dann vor. Als Schauspieler. Natürlich glaubt man jedes Wort, denn es wirkt ja auch alles so absolut echt und authentisch. Kunststück, stimmt ja auch jedes Detail: Achte mal drauf. Die Kleidung ist immer sorgfältig zusammengestellt, sehr bescheiden, etwas abgetragen, aber doch nicht zu ärmlich. Etwas old fashioned, aber doch nicht zu plakativ, zu dick aufgetragen. Nicht zu vergessen die Accessoires: Ein altes Fahrrad, ein struppiger, kleiner Hund, der Corriere della Sera von gestern Einfach genial! Dazu kommen Gestik und Mimik, minutiös einstudiert und trainiert. Ganz klar, hier waren Profis am Werk.
    Sie sind meist zu Fuss unterwegs, die Sarden-Darsteller. Einige fahren einen alten Fiat Panda 4x4. Sie wohnen immer allein in einem kleinen Haus im nächsten Dorf. Natürlich nur zur Tarnung. Wo sie wirklich wohnen, weiss bis heute kein Mensch. Und auch nicht, wer dahinter steckt. In Italien ist das immer schwer zu sagen. Der sardische Tourismusverband oder die Regierung in Rom, einige Mailänder Industrielle, die Mafia oder sogar der Vatikan? Man weiss es bis heute nicht. Und so bleibt Sardinien bis auf weiteres eine Insel mit vielen Geheimnissen.

Arm dran, aber gut drauf

Italien im Sommer. Das ganze Land riecht nach Pizza und Spiagga. Alle sind zwar arm dran, aber trotzdem gut drauf. Ideale Voraussetzungen also für einen perfekten Gastgeber. Sowieso, die Italiener! Alle reden, andauernd, ununterbrochen. Die Carabinieri in Zweiergruppen mitten auf der Strasse, die Verkäuferinnen an den Kassen im Supermercato, die Bootsverleiher, die Fischhändler, die Müllabfuhr. Mag der Sachverhalt noch so klar, der Handgriff noch so einfach sein, es gibt immer noch etwas zu diskutieren, zu erläutern, anzufügen. Und zu bedenken, mit Bedacht. Und also bedächtig wird dann auch gehandelt. Und der Strafzettel dann doch an die Windschutzscheibe geheftet, der Ristretto schliesslich aus der Maschine gelassen, die Mülltonne dann doch geleert oder stehengelassen. Hat der Italiener keine Arbeiskollegen, weil er entweder als Automechaniker allein arbeitet oder bereits pensioniert ist, krallt er sich einfach einen freien Touristen und labert den voll. Da erfährt man dann ungefragt, dass es im Juli und August besonders heiss ist, aber dass es gegen Abend schon wieder etwas kühler werden wird. Wer nach Offenbarungen dieser Preisklasse nicht hellhörig wird, schnell einen Riegel schiebt und das Weite sucht, findet sich schon wenige Sätze später in Jugenderinnerungen eines Pensionärs oder philosophischen Betrachtungen eines Tankwarts wieder.

Pizzeria Nr. 1

Da sitzen sie also. Nach einem Tag am Strand. Sitzen zu zweit an Tischen und schweigen sich an. Flüchtlinge des Alltags. Urlauber. Kein Bild für einen Ferienprospekt, wo alle so unendlich verliebt sind, sich anlachen und anmachen und einander endlos zuprosten mit den feinen Prosecco-Gläsern. Dazu haben die Frauen hier alle ein paar Pfunde und ein paar Jahre zuviel. Und die Männer erst recht. Und alle sitzen sie da und sind müde von der Sonne oder enttäuscht vom Leben. Oder zumindest vom Urlaub, diesem ritualisierten Ausnahmezustand. Schweigen sich an und schauen sich um. Immerhin, den anderen geht es auch nicht viel besser. Zum Teil sogar wesentlich schlechter. Da wird man doch mit einem mal grad wieder ganz zufrieden. Und jetzt kommt sogar noch die Pizza. Was will man mehr!

Bitte recht unfreundlich

Man muss die Hektik des Alltags ja nicht unbedingt ins Wochenende mitnehmen. Nein, muss man wirklich nicht. Seit fünf Minuten sitzen wir also auf der Hotelterrasse am Tisch. Vor den leeren Gläsern und Fläschchen längst verschwundener Nachmittagsgäste. Entspannt und geduldig. Es ist Herbst und die Engadiner Sonne lacht. Sie ist die einzige. Das Personal im Belvedere in Scuol hat anscheinend nichts zu lachen. Keine Ahnung wieso. Am Stress kanns nicht liegen, die Gartenterrasse ist knapp zu einem Viertel besetzt. Sie sind zu dritt. Räumen leere Gläser herum und sind mit den Gedanken weit weg oder nirgends. Wer weiss das schon. Und wen interessierts. Zehn Minuten sinds inzwischen. Nur die Ruhe kann es bringen. Wohl wahr, in einem Restaurant bringt die Ruhe allerdings nichts und schon gar keinen Kaffee. «Tschuldigung, könnten wir vielleicht ...» – «Moment», sagt die Angesprochene und räumt noch etwas herum bevor sie sich dann mit einem knappen «Bitte!» vor unseren Tisch hinpflanzt. Also, einen Kaffee und ein Wasser. Dass sie sich darauf umdreht und geht, interpretieren wir dahingehend, dass sie die Bestellung verstanden hat. Und tatsächlich, schon wenig später ist sie wieder da und stellt beides auf den Tisch. Wortlos wie in einem Stummfilm. Hat ja recht, was soll man dazu auch Aufschlussreiches sagen? «Da ist Ihr Kaffee und hier kommt Ihr Wasser.» Ist ja klar. Vor allem das Wasser.
Man könnte natürlich: «Zum Wohl!» sagen. Aber wenn mans nicht meint, wärs ja gelogen. Und bei dem was man hier hinstellt, gäbs höchstens ironisch einen Sinn: Der Kaffee ist dünn, das Wasser handwarm. Immerhin, so passt doch alles irgendwie zusammen und macht einen ganzheitlichen Eindruck. Ganzheitlich halbherzig.

Das System

«Wissen Sie», sagt die ältere, kleine Frau selbstbewusst, «ich spiele mit System». «Ja so ist es wahrscheinlich», meint die Kioskverkäuferin wenig interessiert und nimmt den Lottoschein entgegen. «Konsequent mit System», wiederholt die kleine Frau nachdrücklich. Schon 180 mal habe sie Lotto gespielt. Immer mit System und noch nie sei auch nur eine Zahl gekommen. Nicht eine einzige. Immer mit System und immer ohne Gewinn. Noch nie. 180 mal. Systematisch sozusagen. Ist das nicht verrückt! «Ja das ist es wahrscheinlich», sagt die Kioskverkäuferin.

Mittwoch, 29. April 2009

Busfahrer

Breit wie ein Pontifex in seinem durchgesessenen Thron gibt einem der Busfahrer schon beim Einsteigen das Gefühl, nicht Gast, sondern Ballast zu sein. Manchmal kommt es freilich gar nicht so weit. Kurz vor der Haltestelle gibt er schlagartig Gas und braust mit antrainiertem Röhrenblick vorbei. Da nützt es auch nichts, anschliessend einen Schritt auf die Strasse zu tun und wie wild mit den Armen zu rudern. Dieses entwürdigende Schauspiel schaut sich der routinierte Busfahrer höchstens im Rückspiegel an - wenn überhaupt. Meistens hält er allerdings. Und das nicht grundlos: Nur so kann er die Fahrgäste ganzheitlich und nachhaltig demütigen. Das beginnt mit Wartenlassen vor der geschlossenen Türe geht weiter übers patzigen Gezanke um Kleingeld und endet beim hartnäckigen ignorieren irgendwelcher Fragen. So er will, hat der Gast irgendwann dann aber doch eine Fahrkarte, steht im Gang, verstaut gerade das Portemonee bevor ihn die Wucht eines sehr kurz übersetzten ersten Ganges schlagartig mitten unters Volk katapultiert. Torkelnd wie nach einer Flasche Chianti hält er sich dann irgendwo an einer dieser immer leicht fettigen Stangen und wartet auf die kommende brüske Bremsung vor der nächsten Haltestelle. Und da ist sie auch schon. Die ältere Frau, die bereits aufgestanden ist, fällt der Länge nach hin. Der Inhalt ihrer Einkaustasche arrangiert sich im Mittelgang zu einem expressiven Stilleben des Schreckens. Und was macht der Busfahrer? Der schimpft nur unverständlch vor sich hin und bereitet, während die Fahrgäste am Butter, Orangen und einsammeln sind, das Finale vor. Das braucht etwas Fingerspitzengefühl und ein gutes Timing. Aber jetzt ist es soweit: Die Frau macht sich gerade auf, da macht er die Türe gerade zu. Diesmal bleibt die Frau eingeklemmt stehen und die Orangen kullern auf die Strasse.”Herrjesses!» sagt die Frau. «Könnr denn nid luaga, gopfrtammi!» sagt der Mann am Steuer bevor er aufs Gaspedal stampft, wie ein ungeliebtes, zorniges Kind.

Dienstag, 28. April 2009

Eine neue Begegnungszone

»Die Stadt Chur ist eine der kältesten, die es gibt, die finsterste, die ich kenne, und die Graubündener sind tief – oder schwach – oder einfach widersinnig vor Finsternis und vor Kälte.« Thomas Bernhard

Dem tüchtigen Stadtgärtner sei Dank: Der einstmals so beliebte wie belebte Stadtpark sieht jetzt aus wie der sinnleere Vorzeigegarten einer psychiatrischen Anstalt. Der Rasen, die schattigen Plätzchen und versteckten Nischen sind weg. Neu sind die schwarzen Eisengitter, die den Park erfolgreich vor seiner Benutzung schützen. Aber es gibt sowieso nicht mehr allzu viel zu benutzen. Was will man schon mit den aufdringlich bunten, rechtwinkligen Blumenbeeten? Sich allenfalls davorstellen und einen Passanten bitten, ein Bild zu machen.

Wenn es Abend wird, schliesst der Stadtgärtner den Park mit den schweren Eisentoren. Damit er nach Hause kann und sich die Blumen in Ruhe ausruhen können. Aber so schlimm ist es ja gar nicht: Die umtriebigen Lenker der Sadt haben im Gegenzug zum totsanierten Park die Strassen grün bemalen lassen und als Begegnungszone beschriftet. Die Autos dürfen jetzt nur noch im Schritttempo fahren, weil die Passanten überall auf die Strasse springen müssen, um sich zu begegnen. So löst man in dieser Stadt mit Blumen das Drogenproblem und bekämpft mit Teer die Einsamkeit. Flower Power in der Hand von Faschisten.


Montag, 27. April 2009

Einfall der Sandalen

Von Kopf bis Fuss auf Ferien eingestellt. Unbeschwert in den Süden fahren und zwei Wochen rumlaufen wie ein Idiot. Bankprokuristen, Sachbearbeiter und Filialleiter zeigen Mut und der Welt ihre haasträubenden Beine. Eine Zumutung auch die Gattinen. Sie, die sonst stilsicher Tischtücher für Kindergeburtstage und Kravatten für Firmenessen aussuchen, zwängen ihre Kilos jetzt bedenkenlos in enge, weisse Shorts und schrecken vor pinkfarbenen T-Shirts nicht zurück, selbst wenn My Pussycat oder Beach Club Bitch drauf steht. Fünfzigjährige laufen plötzlich herum wie unterprivilegierte Teenager aus namenlosen Vororten. Als ob es im Süden keine Spiegel gäbe. So fallen jedes Jahr ganze Horden von Sandalen in die Urlaubsorte ein, stürmen Kleidershops und plündern Boutiquen auf der Suche nach sich selbst. Was der Koffer nicht hergibt, besorgt man sich vor Ort. Ein Griff ins Regal und mit etwas Glück sieht der Steuerberater danach aus wie ein Surfer. Meistens allerdings bloss wie ein verkleideter Steuerberater. So angezogen wirkt er natürlich nicht besonders anziehend. Ein weiterer Griff ins Regal und die Frau des Steuerberaters sieht aus wie die Frau des Steuerberaters, die aussehen möchte, als wäre sie nicht die Frau eines Steuerberaters. Ein hoffnungsloses Unterfangen und trotzdem macht es glücklich – vor allem die Boutiquenbesitzer. Zu den unverzichtbaren Insignien echter Ferien gehört natürlich auch eine Sonnenbrille. Der brave Mann umgibt sich mit der Aura des Geheimnisvollen, die nichtssagede Visage seiner Frau wird zum visuellen Erlebnis. So sitzt man dann an der Promenade als lebender Beweis des Siegs des Praktischen über das Ästhetische. Vielleicht sogar mit einem Funken Selbsterkenntnis auf dem T-Shirt: Its not easy to be easy.

Entwerter

«Das ist nicht erlaubt.» sagt der Kondukteur zum dritten mal und schaut beinahe fassungslos auf die Fahrkarte mit dem handschriftlich eingetragenen Reisedatum. «Das müssen Sie abstempeln, entwerten, am Bahnhof. Aber so, nein so ist das nicht erlaubt.» Dann sagt er nichts mehr und schaut nur noch stumm auf die Fahrkarte. Nach einer Weile dreht er das Papierfetzchen um und liest den Text auf der Rückseite. Ja, dort steht es tatsächlich. In winzig kleinen Lettern, drei Sprachen und bestem Beamtendeutsch: Die Anzahl benötigter Felder muss unmittelbar vor Bezug der auf der Vorderseite definierten Leistung abgestempelt werden. Sind keine Entwerter vorhanden, ist der Geltungstag mit Kugelschreiber in einem freien Feld und zwar von unten nach oben einzutragen. Ein von Hand beschriftetes Feld darf am Entwerter nicht nochmals entwertet werden. Wo Entwerter vorhanden sind, ist der handschriftliche Eintrag des Geltungstages nicht gestattet. Fehlt die Entwertung oder ist der Geltungstag nicht eingetragen ist ein Zuschlag zu bezahlen. Ja, das alles liest er, der gewissenhafte Mann. Und dann fasst er es sogar noch zusammen: «Sehen Sie, es ist nicht erlaubt.» Aber was weiter geschehen soll, verrät er nicht. Er weiss es auch nicht. Schaut immer noch auf die Fahrkarte, jetzt wieder auf die Vorderseite. Ratlos wie ein schlechter Schachspieler. Der Zug bremst, nächste Station. Ich schlage vor, rasch auszusteigen und die Fahrkarte einfach hier zu entwerten. Das macht ihn zwar nicht glücklich, aber er hat auch nichts dagegen. Er kommt sogar mit. Auf dem Bahnsteig frage ich ihn, wo ich nun dieser Apparat sei. «Ja grad hier. Die sind immer so aufgestellt, dass man sie grad sieht.» Es wäre zwar übertrieben zu sagen, dass der Hauch eines Triumphes seine Züge gestreift hätte, aber ganz falsch wäre es auch nicht.

Abwart

Abwart. Seltsam schon das Wort. Das zugehörige Verb jedenfalls heisst bestimmt nicht abwarten, denn abwarten tut ein Abwart in den seltensten Fällen. Er ist vielmehr ein Zupacker, ein Erlediger, ein Macher. Da steht er nun mit seinen Insignien: einem abgewetzten Besen und einem imposanten Schlüsselbund und zitiert die Hausordnung, wie wenn es eine Ergänzung zu den Zehn Geboten wäre. Entgegen anderer Behauptungen kann der Abwart sehr wohl lesen und schreiben. Hin und wieder hängt er einen Zettel auf. Der Abwart macht ganz einfache Sätze die er stets mit einem Ausrufzeichen beendet. Türe immer zu! Hier keine Schachteln abstellen! Für den Abwart ist klar, das Problem ist nicht der alte Lift, die unzuverlässige Heizung oder die defekte Waschmaschine das einzige Problem sind die Mieter. Sie haben es darauf angelegt, ihm das leben schwer zu machen. Es ist wie ein Spiel. Einer gegen alle. So fühlt er sich und so handlet er auch.