Mittwoch, 7. Oktober 2015

Der Ventilator

Beim Betreten eines Hotelzimmers ist man selten positiv überrascht. Vier Wände sind knapp um ein Doppelbett drapiert und ergeben so eine Grundfäche, die man allenfalls noch im sozialen Wohnungsbau Bulgariens findet oder in Strafvollzugsanstalten. Das Mobiliar mit dem obligaten, viel zu grossen Schrank scheint direkt aus einer Niederbayrischen Beamtenwohnung der 70er Jahre zu stammen. Und alles ist etwas zu dunkel. Eiche fourniert, poliert und borniert.

Diesmal war es anders, richtig nett. Ein Appartement direkt unter dem Dach. Mit allem drum und dran und einem grossem, wirklich erstaunlich grossen Balkon hoch über den Dächern des Ortes samt freiem Blick weit über die ganze Bucht. Wow!

Sag ich ja immer: Wenn man ans Gute glaubt, erfährt man es auch. Für 35 Euro pro Peron und Nacht, denn alles Gute hat auch hier seinen Preis. Und der gute Preis natürlich einen Haken. Und jetzt kommt der Ventilator ins Spiel. Nein, es geht jetzt nicht um eine putzige Samsung-Klimaanlage aus Taiwan, die hin und wieder völlig unmotiviert etwas raschelt, nuschelt oder röchelt mitten in der Nacht. Es geht auch nicht um einen dieser kleinen italienischen Hinundher-Luftverteiler, die dumpf surrend in einer Ecke stehen und nicht viel mehr können, als unangenehmen Durchzug zu simulieren. Der Ventilator um den es hier geht, ist fett. Sehr fett. Und vor allem: er riecht nach Fett.

Natürlich gehört er nicht zum netten Appartement. Aber er sitzt auf dem Dach gleich daneben. Er gehört zur Küche. Schon klar, die dort unten im Zwiebelduft sieden, braten und schmoren, haben ja auch frische Luft verdient. Hin und wieder.

Da sitzt du also abends auf der Terrasse und schaust aufs Meer und auf den Mond. Und hinter dir tront, droht vielmehr, wie ein blechernes Damoklesschwert auf dem Dach, der Ventilator. Still und böse. Lauert und wartet auf seine Zeit. Jetzt einfach nicht bewegen, um die Bestie nicht zu wecken. Irgendwann ist es dann aber doch soweit, jeden Abend. Denn sie kommt, unabwendbar, die Essenszeit. Und irgendwo, einige Stockwerke weiter unten, drückt jemand auf den roten, abgegriffenen Knopf und hinter dir, einen Meter oder zwei vielleicht, beginnt sich der Rotor zu drehen. Langsam zunächst, dreht dann hoch wie eine Sirene und rauscht schliesslich brummend laut und gleichmässig. Aber das Rauschen und Rattern ist erst der Anfang. Während es oben bereits scheppert, machen sie sich erst auf den Weg, steigen erst den Schacht hoch, die bösen Küchendämpfe. Langsam kriechen sie den Wänden nach, diese fettigen, klebrigen, schmierigen, unappetitlichen Düfte, diese widerliche Mischung aus Frittieröl, verbranntem Fett und Küchenschweiss. Und dann ist es soweit, dann sind sie da, ganz oben, der metallene Rachen würgt sie heraus, erbricht sie schwallweise in die mondhelle Nacht. Der widerliche Gestank breitet sich aus, schlagartig über den ganzen Balkon, vernebelt das halbe Panorama, vermiest die ganze Stimmung.

Ja Scheisse, leck mich doch am Arsch! Da kann ich den Kopf ja gleich in die Fritteuse stecken! Also schnurstracks runter in die Küche. Da ist sie auch schon, die Fritteuse und das ungehörige, dazugehörige Bedienpersonal. Die kennen das Problem natürlich längst. Die unselige Liaison der stinkigen Küche mit dem schönsten Appartamento des ganzen Hauses. Mezz’ora, eine halbe Stunde. Nun gut, man ist ja kein Unmensch und muss sein Urlaubsglück nicht unbedingt auf dem Unglück des Küchenpersonals aufbauen. Ein paar Minuten später, wird das Monster tatsächlich müde, der Motor verstummt, der Rotor dreht noch ein paar Minuten langsam aus und steht schliesslich still. Der Lärm ist weg. Der Gestank bleibt. Dieses Problem können sie in der Küche beim besten Willen nicht mehr lösen. Also bleibt nur eins, man muss in windstiller Nacht mit Badetüchern den Frittenduft vertreiben. Hinweg, hinaus. Also fuchtelt und schwingt, fächert und schüttelt man herum, mit Tüchern und Kissen, verbissen und verzweifelt, wie wenn es gälte einen Ausdruckstanz-Wettbewerb zu gewinnen. Das Schamanenritual zeigt seine Wirkung. Bis auf eine äusserst widerspenstige Nuance von Calamari fritti, ist die Terrasse jetzt nicht mehr kontaminiert. Wenigstens bis morgen Abend. Und dann? Geht das ganze spiel wieder von vorne los. Auf lange Frist nachhaltiger wäre es zweifelsohne, die Küche zu sprengen oder dem Architekten die Hände zu brechen.