Montag, 27. April 2009
Einfall der Sandalen
Von Kopf bis Fuss auf Ferien eingestellt. Unbeschwert in den Süden fahren und zwei Wochen rumlaufen wie ein Idiot. Bankprokuristen, Sachbearbeiter und Filialleiter zeigen Mut und der Welt ihre haasträubenden Beine. Eine Zumutung auch die Gattinen. Sie, die sonst stilsicher Tischtücher für Kindergeburtstage und Kravatten für Firmenessen aussuchen, zwängen ihre Kilos jetzt bedenkenlos in enge, weisse Shorts und schrecken vor pinkfarbenen T-Shirts nicht zurück, selbst wenn My Pussycat oder Beach Club Bitch drauf steht. Fünfzigjährige laufen plötzlich herum wie unterprivilegierte Teenager aus namenlosen Vororten. Als ob es im Süden keine Spiegel gäbe.
So fallen jedes Jahr ganze Horden von Sandalen in die Urlaubsorte ein, stürmen Kleidershops und plündern Boutiquen auf der Suche nach sich selbst. Was der Koffer nicht hergibt, besorgt man sich vor Ort. Ein Griff ins Regal und mit etwas Glück sieht der Steuerberater danach aus wie ein Surfer. Meistens allerdings bloss wie ein verkleideter Steuerberater. So angezogen wirkt er natürlich nicht besonders anziehend. Ein weiterer Griff ins Regal und die Frau des Steuerberaters sieht aus wie die Frau des Steuerberaters, die aussehen möchte, als wäre sie nicht die Frau eines Steuerberaters. Ein hoffnungsloses Unterfangen und trotzdem macht es glücklich – vor allem die Boutiquenbesitzer.
Zu den unverzichtbaren Insignien echter Ferien gehört natürlich auch eine Sonnenbrille. Der brave Mann umgibt sich mit der Aura des Geheimnisvollen, die nichtssagede Visage seiner Frau wird zum visuellen Erlebnis. So sitzt man dann an der Promenade als lebender Beweis des Siegs des Praktischen über das Ästhetische. Vielleicht sogar mit einem Funken Selbsterkenntnis auf dem T-Shirt: Its not easy to be easy.