Notizen einer Rückreise
Der Taxifahrer hat die verrücktesten Geschichten auf Lager. Ich verstehe allerdings die Pointen nicht, was vielleicht auch daran liegt, dass ich überhaupt nichts verstehe. Natürlich sage ich trotzdem ab und zu: that’s really amazing oder unbelievable! Zum Glück dauert die Fahrt bis zum Flughafen nur 45 Dollar.Wer nach einer Basketballmannschaft eincheckt, hat wenig Aussicht auf einen Platz in der Exit Row. «But also very comfortable», sagt die Barbiepuppe beim einchecken und legt den Boardingpass lächelnd auf den Tresen. Ihre Freundlichkeit ist so aufgesetzt, dass ich unweigerlich an eine Androidin denken muss oder an eine übertrainierte Sozialarbeiterin. Beim Zoll wirds dann kurz hektisch: «Wo ist Ihre grüne Karte?» Was weiss denn ich! Also bekomme ich eine, allerdings leer. Zurück auf Feld eins, ausfüllen und nochmals hinten anstehen, so wollen es die Spielregeln. Ausgedacht von sadistischen Statistikern.
Der Platz im Flieger ist dann alles andere als bequem. Immerhin, neben mir sitzt eine Thailänderin, die mich ab und zu mit ihren grossen, braunen Augen anschaut und lächelt. Zuckersüss und das mit kaum sechs Jahren. Der Blick in die Speisekarte verrät weniger gutes: Der Rotwein ist aus Frankreich – merde! Er wird knapp über dem Gefrierpunkt serviert, was dem üblen Chateaux Toujours allerdings keineswegs schadet. Wenigstens gibts ein paar brauchbare Filme im Programm. Der Ton brutzelt aus den Kopfhörern, als wärs ein Led Zeppelin Kassettenrekorder-Bootleg aus den 70ern. Dafür ist das Bild winzig und erstaunlich unscharf. Nach einem Double-Feature sind die Augen jedenfalls hart am Anschlag. Was solls, wer acht Stunden im Flieger sitzt, kennt das Trombosen-Risiko und kalkuliert auch eine mögliche Erblindung ein.
Singapur. Spätabends vier Stunden zwischen müden Kois, müden Transittouristen und müden Verkäuferinnen. Und weit und breit nichts, was die Stimmung heben könnte. Nicht mal Geld ausgeben macht bei diesen Preisen richtig Spass. Also einfach rumhocken und blöd schauen. Senioren in Rollstühlen. Als ich Schweizer miteinander reden höre, kommt mir spontan das Wort Selbstzufriedenheit in den Sinn. Ist das vielleicht der Kern unserer statisch-staatlichen Mentalität?
Boarding. Immer wieder ein sehenswertes Spektakel. Reflexartig drängen und schieben sich erwachsene Menschen nach vorne. Wie wenn gratis Bratwürste verteilt würden. Werden aber nicht. In Singapur schon gar nicht. Und die Platznummer hat man seit Stunden im Sack. Trotzdem: man drängt. Eines der letzten unerforschten Geheimnisse der menschlichen Psyche. Angelernt, genetisch oder pathologisch: Das Boardingsyndrome. Schliesslich sitzen alle auf ihrem Platz. Das Kind schreit von Anfang an, ohne Unterbruch. Am Anfang noch innerhalb der kindlich-panischen Toleranzgrenze. Dann wirds immer furioser und schliesslich so gepresst, laut und bestialisch, dass in den Köpfen der Passagiere der Ruf nach einem Exorzisten laut wird, denn das Kind ist vom Teufel besessen, das steht zweifelsohne fest.
Schweiz. Schon im Dock aus dem Flieger muss man den Pass ein erstes mal zeigen. Und zwar nur von aussen. Rot muss er sein. Schweizerrot. Dann sagt der schneidige Berufsschweizer: Jawohl, tipptopp! Was für ein bornierter Rechtsstaat. Im Zug nach Chur tauschen zwei Handarbeitslehrerinnen wertvolle Buchtipps aus. Tiefsinnige Geschichten über Mozarts Leben, sterbende Kinder und sibirische Prinzessinnen. Ihrer munteren Dauerunterhaltung entnehme ich auch, dass es die antroposophische Buchhandlung nicht mehr gibt. Was für ein Verlust! Endlich. Endstation Chur. Der neue Bahnhof macht was her. Alles ist jetzt besser, schöner und vor allem viel grösser. Alles überdacht und durchdacht. Ein Taxi suche ich allerings vergeblich.