Donnerstag, 5. Oktober 2017

Thank you Abdullah

»Dieses unsägliche Geklimper, das verlangt,
dass man ernst ins Leere schaut.«
Francesco Micieli, Der Agent der kleinen Dinge

Es ist dunkel. Es ist still. Er kommt. Nein, noch nicht. Doch, da ist er! Ah ja, tatsächlich, da kommt er. Aus dem Dunkel betritt er die Bühne. Schritt für Schritt. Ganz langsam. 84. Schwer zu sagen, ob es ein Neger ist. Ich sitze zu weit weg und das Licht ist zu schwach. Da wird jeder zum Neger. Man sagt doch nicht Neger. Man sagt schwarz. Weiss ich doch. Nicht reden jetzt! Sonst geht er am Ende schon am Anfang wieder. Es heisst, er sei sehr schwierig. Das mag sein. Vor allem aber ist er sehr langweilig. Das steht fest, aber das sagt man natürlich nicht. Also man sagt es schon, aber mit anderen Worten. Man sagt: Das war nicht so meine Musik, mir hat irgendwie zeitweise die innere Spannung gefehlt. Das ist ein Code für: Es war einfach nur ein unsägliches, ideenloses Geklimper eines müden alten Mannes.
    Der Star des Abends ist ein Jahr nach Hitlers Machtergreifung 1934 auf die Welt gekommen. Man taufte ihn Adolf. Adolf Brand. Dafür kann er ja nichts. Später wurde daraus Dollar Brand und jetzt heisst er Abdullah Ibrahim. Wie auch immer er nun heisst, ich schlafe fast ein. Die perfekte Musik, um nach Feierabend ein heisses Bad einzulassen und sich die Pulsadern zu öffnen. Abdullah, mein Depro-Afro. Nicht immer so negativ denken, heinomol! Ich weiss, tschuldigung.
    Oh nein, jetzt trifft er nicht mal mehr die Töne sauber! Armer alter Adolf. Am Schluss, als sich der Wind seiner Partitur bemächtigt, tut er mir fast schon ein wenig leid, der zittrige Greis mit seinem Frotteehandtuch und seiner Einfallslosigkeit. Beim Schlussapplaus stehen alle auf. Wieso auch immer. Ich bleibe sitzen. Francesco ebenfalls. Auch schlechte Musik verbindet. – Thank you, Abdullah!