Samstag, 7. Oktober 2023

Bar 610

Sie stolpern zur Türe herein. Zu viert, zu fünft. Alle sehr gut gelaunt und ziemlich schlecht gekleidet. Das fällt heute aber niemandem auf. Es ist kurz nach Mitternacht und der Dresscode scheint sich gerade irgendwo zwischen zwanglos und stillos eingependelt zu haben. Die Mädchen und ihre Männer machen keine Ausnahme. Sie sehen alle aus, wie ich mir Leute von einem Wanderzirkus vorstelle. »Kommt, heute haben wir es wieder einmal richtig lustig!«, scheint das gemeinsame Motto der fröhlichen Pappnasen zu sein. Also bleiben sie zusammen, lachen und scherzen und schieben sich als unzertrennliches Paket durchs Gedränge, irgendwohin, wo noch etwas Platz ist. Sie haben Glück, finden sogar einen freien Tisch, organisieren sich die fehlenden Hocker und geben sich dann die Kante. Sie sind zwar nicht schön aber haben es schön. Und das ist ja auch schon was, denn es gibt ja auch andere.

Sie steht allein da. Die unscheinbare, kleine Frau mit den kurzen Haaren und den traurigen Augen. Sie hält sich an ihrem Rotwein und einem Glas Wasser. Ob sie noch nüchtern ist oder schon verladen. schwer zu sagen. Dass sie ziemlich verzweifelt ist, sieht man hingegen auf den ersten Blick, denn sie macht keine Anstalten, ihr Unglück zu verbergen oder gar zu überspielen. Natürlich redet niemand mit ihr. Sie würde einen bereits nach zwei Sätzen unaufhaltsam runterziehen in die trüben Untiefen ihres ausweglosen Elends. Darauf steht niemand. Also steht die kleine Frau einfach da. Mitten im Lokal. Stumm und allein. Und ist damit so allein, wie man es nur mitten unter Menschen sein kann. Fast tut sie einem ein bisschen leid. Aber eben nur fast. Diese offensichtliche Einsamkeit wird sogar ihr nach einer Weile zu viel. Dann nimmt jeweils ihre beiden Gläser und wechselt den Platz. Umständlich und wahnsinnig unsicher steht sie mitten im Trubel. Hat nicht einmal die Kraft, etwas zu sagen, damit andere ihr Platz machen, sondern wartet einfach, stumm und dumm. Und wird übersehen und übergangen. So dauert ihre Reise natürlich ziemlich lange. Nach einer Ewigkeit steht sie dann doch in der gegenüber liegenden Ecke der Bar. Ganz am Ende. Immer noch mit den selben beiden Gläsern und der selben Verzweiflung. Ein hoffnungsloser Fall. Nicht so wie sie.

Sie ist etwas über dreissig. Sie hat ein gewinnendes Lachen, rote Haare, ein paar Kilo Babyspeck zuviel und sieht damit aus wie ein erwachsenes Kind. Mit ihrem ultrakurzen Pony erinnert ihr Gesicht an ein Pinup aus den Vierzigern. Sie steht am Tisch nebenan und hat etwas zu erzählen. Ich weiss nicht, ob es wichtig ist, ich höre einfach, dass es viel ist. Sehr viel. Sie redet pausenlos und verdeutlicht und unterstreicht ihre Geschichten dazu elegant mit den Händen. Vielleicht hat sie den ganzen Tag noch zu niemandem einen Satz oder ein Wort gesagt und holt das jetzt alles nach. Oder war drei Monate in Afrika wegen einem Projekt oder ein Jahr in Untersuchungshaft wegen einem Delikt. Aber ich schätze eher nicht, dazu sieht sie dann doch zu langweilig und zu wenig authentisch aus. Ihre beiden Freundinnen beteiligen sich am Gespräch, natürlich nur sporadisch, denn gegen Babydolls Redeschwall haben sie nicht den Hauch einer Chance. Dann kommt er.

Er ist ein Bär. Er hat ein halbvolles Bier in der Hand und ein halbes Dutzend bereits im Bauch. Den schiebt er jetzt, gut gelaunt und schwer schwankend durchs Gedränge vor der Bar. Er trägt eine rotweisse, etwas zu kleine Mütze, wie ein Bub am Strand. Damit drückt er aus, wie lustig er ist und wird nicht müde, es auch noch handfest zu beweisen. Auf seinen Runden durchs Lokal schüttelt er Hände, macht High five, umarmt Kollegen, fällt irgendwelchen Frauen um den Hals und lallt dann zusammenhanglosen Schwachsinn: »Am Schluss kommt ja alles aufs Gleiche raus, nicht wahr! Was kann man schon machen!« Aber sicher, Kamerad, ein Philosoph bist du, nichts weniger! Dann löst er sich wieder, die Frauen atmen hörbar auf, er macht kehrt und wuchtet seine volle Blase wieder einmal Richtung Klo. Dort macht er Platz fürs nächste Glas und die nächste Runde durchs Lokal. »Gell, eins haben wir ja immer noch – oder ist es nicht so ist es doch!« Ja aber ganz sicher, Meister, aber sowas von dermassen!