Montag, 19. Dezember 2016

Fertilia

Das nenn ich einen Geheimtipp. Kaum drei Kilometer von Alghero, dem unangefochtenen, touristischen Hotspot Sardiniens, wo im Sommer an die fünfzigtausend Italiener einen Parkplatz suchen, sich den Rücken einschmieren und Sonnenschirme aufspannen, liegt Fertilia. Hier steht keiner an im Supermercato, hier stellt man den Combi einfach unter den nächstbesten Baum und geht schwimmen. Eine Pizzeria, eine Bar, ein Cafe, ein kleines Hotel. Das wars. Wer hierhin kommt, hat entweder eine kranke Faszination fürs Morbide oder einfach schlecht recherchiert. Hier beeindruckt kein befestigter Hafen gegen die Sarazenen, keine romanische Kathedrale gegen die Sünden. In Fertilia gibt es nichts zu sehen, denn die Stadt hat keine Gechichte. Jedenfalls keine, die man den Touristen verkaufen will. Im Reisebuch stehts dann aber doch, was man hinter der klotzigen Architektur schon vermutet hat: Die Stadt ist nicht langsam gewachsen, sich wurde hingestellt. In den 30er Jahren. Eine der gloriosen Ideen des Duce. Die Einwohner sind natürlich auch nicht von selbst gekommen. Sie wurden im Veneto zusammengesucht und hierher verfrachtet. Um aus den Sümpfen Ackerland zu machen. Nun macht mal. Fertilia, die Fruchtbare. Auf gehts! Inzwischen sind 70 Jahre vergangen. Die Sümpfe sind weg, Mussolini ist weg, die faschistoiden Fassaden Fertilias sind noch da. Und wenn man damit leben kann – ein echter Geheimtipp.