Piombino. Jedes mal die etwas lächerliche Überraschung, dass man nicht alleine ist, die Hoffnung, dass man eventuell eine Fähre früher wegkommt und die Angst, dass man dazu in der falschen Schlange steht. Und dazu natürlich der Hass auf alle anderen. Auch wenn es vielleicht nicht gerade blanker Hass ist, der asphaltierte Platz vor dem weit aufgerissenen Tor der Fähre ist definitiv nicht der Ort, wo man sich spontan verbrüdert und Freundschaften fürs Leben schliesst. Hier ist man genervt – und das zu recht. Es sind einfach zu viele hier. Und sie sind vor allem viel zu nah. Ungewollte Nähe, es gibt nicht viel, was schlimmer ist. Kein Wunder wird man hier in wenigen Minuten so aggressiv wie ein territorialer Buntbarsch in einem zu kleinen Aquarium.
Schau dir mal diesen Idioten mit den rotblonden Haaren und den Schweinsaugen an, natürlich ein Holländer. Seit zehn Minuten lässt er den Motor laufen, obwohl die Schlange steht, so ein Arschloch. Und dann noch Diesel. Wer, bitteschön, fährt denn 2017 noch Diesel! Nebendran diese traurige Familie mit dem überladenen Kombi, den überfressenen Kindern und der überforderten Mutter, ein grauenhaftes Theater! Das Trauerspiel dieser Apokalyptischen Reiter vervollständigt ein Deutscher. Immerhin, er ist nicht dumm und hat gelernt, dass er nicht so gut ankommt im Ausland mit seinen Tipps und hält darum einfach mal die Klappe. Danke.
Viel schlimmer als alles andere und alle anderen aber sind die Schweizer. Sie halten die Klappe nicht. Sie, denen man für ein paar Tage entfliehen wollte, sind nun prompt auch alle hier und machen einem einen dicken Strich durch diese Rechnung. Sie haben sich, so scheint es, vorsätzlich versammelt, um mit ihrem Hiersein deinen Fluchtplan zu vereiteln: Der sehnige Biker, im Militär war er wahrscheinlich Offizier und jetzt hockt er bei Stadler im mittleren Kader und redet gerne über strategische Erfolgspositionierungen und Distributionsstrategien. Seine Frau mit der praktischen Frisur sieht etwa so spannend aus wie ein Gummibaum. Sie redet nicht so gerne, sie hört lieber zu oder weg.
Dann der schwitzende Pensionierte, der sich mit seinem Wohnmobil und seinem kränkelnden Frau noch einen letzten Traum erfüllt, bevor dann irgendwann der letzte Vorhang fällt. Schliesslich die leicht depressive Kindergärtnerin oder Krankenschwester, die niemanden hat ausser sich selbst und das wahrscheinlich zu recht. Nein, hier sieht niemand aus wie Ryan Gosling oder Megan Fox. Hier ist Mittelmass und Durchschnitt das höchste der Gefühle. Und man selber mittendrin. Und das, das mag einem eigentlich fast am meisten.